Gastkommentar In der Sonderzone

Das Geschäftsmodell der National Football League in den Vereinigten Staaten beruht auf massiven Subventionen der öffentlichen Hand. Der Staat finanziert die privaten Stadien zu wesentlichen Teilen - und geht selbst leer aus.

Von Erich Vogt

Anfang September beginnt in Amerika die Football-Saison. Der Sport ist unverändert populär, die Stadien sind ausverkauft, die 20 meistgesehenen Fernseh-Übertragungen waren voriges Jahr Football-Spiele. Trotzdem hat die National Football League allen Grund, sich Gedanken zu machen über ihr Bild in der Öffentlichkeit und ihr Geschäftsmodell.

Die Vormacht der NFL ist nicht primär das Verdienst ihrer Superstars, sondern das einer Verquickung mit Politik, Finanz-, und Unterhaltungsindustrie, elektronischen Medien, zwei Handvoll Milliardären und Millionen zum Teil fanatischer Fans. Beispiel New Orleans: Nur ein Jahr nachdem der Hurrikan Katrina das Stadion der New Orleans Saints verwüstet hatte, spielten die Saints wieder im behelfsmäßig errichteten Mercedes-Benz-Superdome. Bezahlt haben den eine Milliarde Dollar teuren Wiederaufbau primär die Steuerbürger. Der Eigentümer der Saints, der Milliardär Tom Benson, hatte den Wiederaufbau zur nationalen Pflicht erklärt. Dabei ist der Staat Louisiana einer der ärmsten des Landes. Zusätzlich erhält Benson jedes Jahr sechs Millionen Dollar für das Versprechen, in New Orleans zu bleiben.

Beispiel Minneapolis: Zygmunt Wilf, Eigentümer der Minnesota Vikings, drohte damit, mit seiner Mannschaft in einen anderen Staat zu ziehen, sollte dieser nicht 50 Prozent der Kosten für ein neues Stadion übernehmen. Gouverneur und Landesparlament gaben nach und zahlten mehr als 500 Millionen Dollar. Auch sonst werden hohe Subventionen für die Stadien der 32 NFL-Mannschaften meist ohne Diskussion durchgewinkt. Judith Grant Long, Harvard-Professorin für Stadtplanung, hat errechnet, dass die öffentliche Hand im Durchschnitt 70 Prozent der Neu- oder Umbaukosten aller NFL-Stadien trägt, die Städte darüber die Energie-, Wasser- und Abwasserinfrastruktur bereitstellen und bezahlen sowie Wartungs- und Modernisierungskosten übernehmen.

Es ist die Aufgabe von Roger Goodell, dem von den Eigentümern berufenen Commissioner der NFL, deren Geschäftsinteressen stetig weiterzuentwickeln. Der Sohn eines republikanischen Senators weiß, was zu tun ist, damit die NFL auch in Zukunft Umsatzrekorde erzielen kann. In der letzten Saison waren es fast zehn Milliarden Dollar. In 15 Jahren sollen es 25 Milliarden Dollar sein. Solche Wachstumssprünge sind unter normalen Umständen kaum zu schaffen. Faktisch agiert die NFL in einer für sie geschaffenen Sonderrechts- und Sonderwirtschaftszone.

Wie viel Steuern die Eigentümer zahlen, weiß niemand

Zuerst konzedierte man der NFL den Non-Profit-Status; es folgten Steuerbefreiung und die Freistellung von allen Anti-Trust-Auflagen. Die NFL handelt als Alleinanbieter die lukrativen Fernsehrechte. Die Gegenleistung der Monopolliga? Das Versprechen, freitags und samstags keine Spiele auszutragen; an diesen Tagen spielen traditionsgemäß die Mannschaften der High Schools und Universitäten. Damit kann die NFL gut leben; ebenso damit, dass die Eigentümer , im Gegensatz zur Liga, Steuern zahlen müssen. Privatpersonen oder -unternehmen müssen ihre Zahlen nicht offenlegen, daher weiß niemand, ob und wie viel Steuern diese Eigentümer tatsächlich abführen.

Das Herzstück des NFL Geschäftsmodells der NFL sind die Übertragungsrechte. Die Sender CBS, NBC, FOX und ESPN werden bis 2022 insgesamt 39,6 Milliarden Dollar an die NFL zahlen. Dazu kommen bis zu 3,5 Milliarden Dollar von DirectTV und mehr als eine Milliarde Dollar von Telefon- und Internetfirmen.

Die Milliarden, erspielt in primär steuerfinanzierten Stadien, gehen ausschließlich in die Kassen von NFL und Eigentümern. Die öffentliche Hand geht leer aus. Das alles hat bislang zu keinem Aufschrei geführt, ungeachtet leerer Kassen und schmerzhafter Kürzungen in den öffentlichen Haushalten. Kein Politiker ist bereit, den Non-Profit-Status der Zehn-Milliarden-Dollar-Liga infrage zu stellen. Keiner will sich mit den Fans anlegen.

Mit Sorge betrachtet die NFL nun allerdings die Entwicklung bei den Top-Teams an Amerikas Universitäten. Dort wächst eine Generation von Spielern heran, die sich nicht mehr mit Stipendien zufrieden geben. Sie fordern eine umfassende Umsatzbeteiligung, immerhin bringen sie ihren Universitäten jede Saison dreistellige Millionenbeträge in die Kassen. Mit Sorge verfolgt die NFL auch, wie sich die NCAA, ihr Pendant an Amerikas Universitäten, gegen eine Anti-Trust-Klage wegen der "Etablierung eines ungesetzlichen Kartells" zur Wehr setzen muss. Der Ausgang dieses Verfahrens könnte gravierende Folgen für die NFL-Sonderrechte haben.

Unabhängig davon stellt sich die Frage, ob der Nationalsport eine Zukunft hat, wenn die Plünderung öffentlicher Kassen zu seinem modus operandi  gehört.

Erich Vogt, 65, ist Politologe und Journalist und lehrt an der Universität Toronto.