Gastkommentar Dummheit

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Schon lange gelten in der Öffentlichkeit Bildung und Belesenheit nicht mehr als Vorzug, sondern als Makel, den man möglichst gut verbergen muss.

Von Klaus-Markus Gauß

Manchmal erkennt man erst im Nachhinein, wann eine Epoche zu Ende gegangen ist und was sie ausgemacht hat. Bis 1983 amtierte in Österreich als Bundeskanzler ein Großbürger, der es liebte, die Nation mit seiner Bildung zu beeindrucken. Wann immer der Sozialdemokrat Bruno Kreisky zum Gespräch gebeten wurde, vergatterte er sein verzückt lauschendes Publikum zu gelehrsamen Exkursen, an denen er selbst seine hörbare Freude hatte. Dass er ein Vielleser war, betonte er gerne, und als sein Lieblingsbuch hat er stets Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" bezeichnet, ein schwieriges Meisterwerk der modernen Erzählkunst, das auch von Germanisten häufiger gerühmt als gelesen wird.

Mich interessiert gar nicht, ob Kreisky seine Freizeit tatsächlich am liebsten damit zubrachte, sich in Musils literarisches Monumentalgemälde zu vertiefen; mich fasziniert vielmehr, dass er dies seine Wähler, zu denen damals nahezu die gesamte Arbeiterschaft gehörte, immerhin glauben machen wollte. Nichts spricht übrigens dafür, an seinem Bekenntnis zur Literatur im Allgemeinen und zu Musil im Besonderen zu zweifeln, aber selbst wenn er sich einer nur vorgetäuschten Belesenheit gerühmt hätte, wäre der Sachverhalt bemerkenswert gewesen: dass einer, der als Politiker populär war wie kein zweiter, von der Bevölkerung als Bücherleser, als Intellektueller, als Mann von Bildung und Kultur identifiziert und geachtet werden wollte.

Ein paar Jahre später stieg ein anderer Typus zum mächtigsten konservativen Politiker Österreichs auf, der seither manchen Parteiobmann der Österreichischen Volkspartei gekürt und wieder zum Rücktritt gezwungen hat und der als einziger der Landeshauptmänner (Ministerpräsidenten) seiner Partei noch zuverlässig absolute Mehrheiten sichert: der Niederösterreicher Erwin Pröll, ein machtbewusster Mann, gleichermaßen bewundert wie gefürchtet.

Was für Kreisky Robert Musil, das war für Pröll Karl May, hat er doch mit geradezu auftrumpfendem Trotz behauptet, dass "Der Schatz im Silbersee" nicht nur sein Lieblingsbuch sei, sondern dass es auch das einzige wäre, das er je zu Ende gelesen habe. Auch bei Pröll ist nicht wichtig, ob das, was er von seiner literarischen Vorliebe öffentlich machte, stimmt oder nicht. Ich bin mir sicher, dass er den Einbuchleser nur spielt und in Wahrheit ein belesener Mensch ist, aber er hält das für einen Makel, den es vor der Wählerschaft besser zu verbergen gilt.

Auf der einen Seite der imaginären Grenze, die durch die österreichische Seelengeschichte schneidet, sehen wir einen Sozialisten, der sich den Arbeitern erfolgreich als Bildungsbürger empfiehlt; auf der anderen einen Konservativen, der erfolgreich als volksverbundener Haudegen auftritt, der seine Zeit nie mit so lächerlichem Zeugs wie der Lektüre von Büchern vergeudet haben mag. Beim einen gilt Bildung noch als ein Gut, mit dem man renommieren kann, beim anderen für eine Anmaßung, über die sich trefflich spotten lässt.

Der Rückgriff auf Begriffe wie "Populismus" dient oft nur dazu, sich als die Besseren zu fühlen

Ich kann mich noch an Diskussionsrunden im Fernsehen erinnern, bei denen die Teilnehmer sich wacker bemühten, einen möglichst gebildeten Eindruck zu hinterlassen, selbst wenn sie sich dafür als Blender und Aufschneider bewähren mussten. Wer heute in eine Talkshow gerät, bekommt es hingegen mit Leuten zu tun, die sich beflissen anstrengen, nur ja nicht als Klugscheißer dazustehen. "Das ist mir zu hoch", bekennen sie pflichteilig, kaum dass jemand sie mit einem Gedanken behelligt hat, und damit meinen sie jenen fürchterlich bloßgestellt zu haben, der ihn äußerte, nicht sich selbst, die sie ihn nicht verstehen konnten oder wollten.

In den vergangenen Monaten wurde in zahllosen Kommentaren beklagt, dass die politische Debatte verfalle und ihre Sprache verrohe, dass Politiker triumphierten, die auf freche Realitätsverweigerung setzten und gerade deswegen gewählt werden, weil sie methodisch gegen zivilisatorische Normen und Traditionen, gegen alles verstießen, was bisher Anstand, Respekt, Übereinkunft geboten. Als wären Vernunft und Bildung eine Last, die den Menschen ungerechterweise aufgebürdet wurde und die abzustreifen geradezu ein urdemokratisches Anliegen wäre, beherrschen nun politische Abenteurer die mediale Welt und die digitalen Netzwerke, die in aller Öffentlichkeit lügen und gar nicht verbergen, es zu tun, und die deshalb von ihren Anhängern als vermeintliche Rebellen wider die unerträglichen Zwangsregeln des "Systems" verehrt werden.

Das Entsetzen ist groß und die Ratlosigkeit nicht minder. Die Schuld wird einem Popanz namens Populismus gegeben, der in der kritischen Analyse als eine Art von rhetorischer Müllkippe fungiert, in die man werfen kann, was immer (einem) stinkt. Dort rottet es dahin, und jeder kann seinen Ekel über die Pestilenz ausdrücken, die da hochsteigt.

Doch warum so viele süchtig sind nach dem Gestank, ist damit nicht zu verstehen. Die Begriffe, ob Faschismus oder Populismus, die wir angewidert ins Treffen führen, scheitern an der Aufgabe, die sie haben, die Realität nämlich zu fassen und uns damit ein Instrument in die Hand zu geben, auf diese angemessen zu reagieren. So wie wir sie verwenden, dienen sie aber nicht der Erkenntnis, sondern der Selbstentlastung. Wir sprechen von faschistoiden Tendenzen, nicht weil das, was sich heute ereignet, mit dem Rückgriff auf den historischen Faschismus besser zu begreifen wäre, sondern weil wir unsere Sorge, mehr aber noch unsere Abscheu kundtun wollen. Da geht es weniger darum zu erkennen, was sich tut, als sich zum Besseren und, mitunter, auch als die Besseren zu bekennen.

Ist alles wirklich so überraschend? Herrschte, da jetzt das postfaktische Zeitalter angebrochen ist, vorher allenthalben die aufgeklärte Bereitschaft, sich frei von eigenen Interessen und Absichten mit den Fakten auseinanderzusetzen? Seit Jahrzehnten wird medial auf allen Kanälen die Dummheit propagiert. Jetzt ist der Jammer groß, dass so viele Leute, gewohnheitsmäßig unterfordert, sich nicht mehr mit der fröhlichen Dummheit der Shows zufriedengeben, sondern der bellenden des politischen Kampfes verfallen.

Karl-Markus Gauß, 62, ist Schriftsteller, Essayist und Kritiker und gibt die Zeitschrift Literatur und Kritik heraus. Er lebt in Salzburg.