Gastkommentar Die Minen von Mossul

Warum die Entfernung von Sprengfallen so wichtig ist, um den Irak nach dem IS-Terror zu stabilisieren.

Von Pehr Lodhammar

Für Europäer weckt ein Spaziergang durch Mossul Erinnerungen an die Zerstörungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Gibt es auch im Irak nach der Befreiung die Hoffnung auf Wiederaufbau? Ja, aber die Stadt ist immer noch gefährdet, der Islamische Staat ist weiterhin eine Bedrohung. Die Vereinten Nationen schätzen die Anzahl von IS-Aufständischen im Irak auf 20 000 bis 30 000. Manche verstecken sich in unmittelbarer Nähe in ihren Heimatgemeinden, andere sind wortwörtlich untergetaucht und leben in Tunneln. Nach Einbruch der Dunkelheit tauchen sie in Mossul auf, und nicht nur dort. In den vom IS befreiten Gebieten des Irak, in etwa so groß wie ein Drittel der Fläche Deutschlands, unterminiert der IS den Wiederaufbau durch Entführungen, Tötungen - und durch Sprengfallen, die verstreut und versteckt lauern.

Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen, kurz USBV oder auch Sprengfallen genannt, die durch Stolperdraht, Druckzünder oder, noch schlimmer, Passiv-Infrarotsensoren ausgelöst werden, gefährden alle, die das Land wieder aufbauen wollen. Die Beseitigung dieser Gefahren - unsere Aufgabe - ist ein wichtiger erster Schritt in Richtung Stabilisierung und die Voraussetzung für eine sichere Rückkehr von 1,9 Millionen Menschen, die vertrieben wurden und von denen viele immer noch in Flüchtlingslagern leben.

Die internationale Staatengemeinschaft investiert in Zusammenarbeit mit der Regierung des Irak viel Geld in die Zukunft des Landes, wobei ein Großteil der Zuwendungen spezifisch dem Irak-Programm des Minenräumdienstes der Vereinten Nationen (UNMAS) zur Kampfmittelbeseitigung gewidmet ist. Auch die Bundesrepublik Deutschland unterstützt das Programm großzügig. Man bedenke, dass Stabilisierung nicht nur für den Irak, sondern auch für Länder, die Flüchtlinge aufnehmen, eine wichtige Bedeutung hat. Nach Angaben des Institute for Economics & Peace in Sydney kosteten Gewalt und Konflikt im Jahr 2015 den Irak 53,5 Prozent seines derzeitigen Bruttoinlandsproduktes, das sind 206 Milliarden Dollar im Jahr. Die Beseitigung von Gewalt und Konflikten fließt logischerweise als "Friedensdividende" in den Irak, aber auch den Rest der Welt.

Sind Gebiete von Sprengmitteln befreit, beginnen die Menschen, eigenes Geld zu investieren, ohne staatliche Programme. Sie verputzen Gebäude, sie eröffnen Läden, sie bauen Schulen wieder auf, selbst wenn es noch gar keine Kinder in der Gegend gibt. Vom Beginn der Arbeit im August 2016 bis September 2018 haben die Teams des UN-Minenräumdienstes im Irak mehr als 62 700 Sprengkörper beseitigt, worunter sich mehr als 1870 unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen befanden. Die Folgen sind beachtlich.

Im Osten Mossuls versorgt die kürzlich reparierte Wasseraufbereitungsanlage Al Qasoor wieder mehr als 300 000 Menschen in 34 Versorgungsgebieten mit sauberem Wasser.

In der Provinz Ninewa bietet das oberste Gericht, nachdem die Explosionsgefahren beseitigt wurden, Zugangsurkunden für die rückkehrende Bevölkerung an, die ihre Landansprüche geltend machen wollen.

In Jadidah pumpen 20 Angestellte nach der Säuberung einer Tankstelle wieder mehr als 300 Fahrzeuge pro Tag mit Benzin voll.

Die Bevölkerung Falludschas kann zwei Monate, nachdem unser Team zwei unter Wasser gefundene Sprengfallen von der "Iron Bridge" entfernt hat, die Entbindungsklinik, zu der sie zeitweise zwei Stunden fahren mussten, wieder in fünf Minuten erreichen.

Im Westen Mossuls haben unsere Teams mehr als 27 000 explosive Bedrohungen verschiedener Arten von Krankenhäusern, Schulen und öffentlichen Einrichtungen entfernt.

Es verbleiben allerdings noch Zehntausende Sprengfallen, einige liegen unter Millionen Tonnen Schutt vergraben. Wie lange die Säuberung dauern und wie viel sie kosten wird, ist schwer zu sagen. Die Beseitigung von USBV, die in Mossul Straße für Straße und Gebäude für Gebäude durchgeführt werden muss, könnte noch zehn Jahre dauern. Für die internationale Gemeinschaft, die Angst vor einer Massenmigration aus kriegszerrütteten Ländern hat, bedeutet der Wiederaufbau des Irak, dass Emigration weniger wahrscheinlich wird. Sie sollte das Ziel verfolgen, Bedingungen zu schaffen, die es ermöglichen, dass Vertriebene sich wieder ansiedeln. Iraker möchten nach Hause zurückkehren. Wenn man ihnen einen guten Grund gibt, nach Hause zu gehen, dann werden sie das auch tun.

Pehr Lodhammar leitet den UN-Minenräumdienst im Irak (UNMAS - United Nations Mine Action Service).