Süddeutsche Zeitung

Gastkommentar:50 Prozent, was sonst?

Wie Google den Sexismus im Silicon Valley beenden und zur Gleichstellung der Frauen bei der Arbeit weltweit beitragen könnte: Drei Instrumente, um innerhalb kurzer Zeit eine Frauenquote in Unternehmen durchzusetzen und auch noch mehr Geld zu verdienen.

Google, das Silicon Valley und die ganze Welt regen sich jetzt über das Anti-Gleichstellungs-Memo des Google-Mitarbeiters James Damore auf, das diese Woche bekannt wurde. Das Manifest zeigt ganz offen jene ebenso falsche, wie verbreitete Überzeugung, wonach Frauen den Männern biologisch unterlegen sind, wenn es um Technik, um Business und im Grunde genommen um alles geht. Diese Überzeugung hat Frauen während der gesamten Menschheitsgeschichte ausgebremst. Ich werde diese wissenschaftlich widerlegte Theorie hier nicht entlarven, das haben andere längst getan. Mich interessiert, wie man mit ihr aufräumen kann, ein für alle Mal.

Die Lösung ist einfach: Man organisiert die Arbeit bei Google und jeder anderen Firma im Silicon Valley so, dass es überall genauso viele Männer wie Frauen gibt. Bisher hält der Sexismus, wie er in James Damores Memo zum Ausdruck kommt, Frauen aus Führungspositionen fern. Männer haben dadurch gar keine Chance, tagtäglich in einem Umfeld mit vielen Frauen zu arbeiten, die ihnen professionell gleichgestellt sind. Ihnen fehlt die Erfahrung, wie es ist, dem Können und dem Talent weiblicher Kollegen in einem gleichberechtigten Umfeld zu begegnen, in dem man Frauen respektieren, ihnen zuhören, ihre Ideen unvoreingenommen aufnehmen muss.

Susan Wojcicki, CEO von Youtube, reagierte auf das Memo mit diesen Worten: "Immer wieder war ich Kränkungen ausgesetzt, die mit der Frage (der Geschlechtsunterschiede) zu tun hatten. Meine Fähigkeiten und mein Engagement im Job wurden infrage gestellt. Man hat mich nicht zu Branchen-Events und gesellschaftlichen Treffen eingeladen. Meine Bemerkungen wurden häufig unterbrochen, meine Ideen ignoriert - so lange, bis ein Mann sie mit anderen Worten vorbrachte. Es passierte oft, und es tut immer noch weh." Wenn aber mehr Frauen als Männer im Raum sind, ist es schwer für Männer, die Frauen zu ignorieren.

Wenn die Geschlechter überall bei der Arbeit gleichgestellt sind, behandelt man gleichzeitig auch andere negative Entwicklungen, ohne dass man sie direkt angehen muss. Sexuelle Belästigung, die schon so viele Frauen von ihren Arbeitsplätzen vertrieben hat, hört auf, wenn in einer Abteilung ebenso viele Frauen wie Männer arbeiten. Die kumpelhafte Billigung sexistischen Verhaltens verschwindet, wenn Männer und Frauen täglich auf gleicher professioneller Ebene arbeiten. Männer hören auf, Frauen nur in zwei Rollen zu sehen - als Freundinnen oder als Sekretärinnen. Sie können nicht mehr auf jene Machtunterschiede bauen, die erst zu sexueller Belästigung führen.

Männern in Führungspositionen sage ich: Tut es nicht für uns, tut es für euch. Gleichstellung ist gut fürs Geschäft. Vielfalt treibt Innovationen - Vielfalt in allem: Geschlecht, Rasse, ethnische Herkunft, sexuelle Neigung, Alter. Frauen stellen den Status quo infrage, weil sie nie ein Teil davon waren. Wollen Sie, dass Ihr Unternehmen innovativer wird, disruptiver? Schauen Sie genau hin, machen Sie Abteilungen aus, die rein männlich oder männlich dominiert sind und ändern Sie dies. Das allein bringt das Unternehmen auf einen innovativeren Entwicklungspfad und hilft Ihnen, mehr Geld zu verdienen.

Manche Chefs werden mich jetzt für verrückt halten. Man kann doch nicht einfach mit dem Zauberstab wedeln, um eine Frauenquote von 50 Prozent zu bekommen. In der Tat geht es nicht über Nacht, aber es geht viel schneller als man denkt.

Diversität senkt nicht das Niveau, Diversität erhöht es

Erstens: Stellen Sie Gruppen ein, nicht Individuen. Fassen Sie alle internen und externen Ausschreibungen in der Firma zusammen und sorgen Sie dafür, dass 50 Prozent, wenn nicht sogar mehr Frauen eingestellt oder gefördert werden. Und, um dem vorhersehbaren (und verletzenden) Argument zu begegnen, das da heißt, "Diversität ist toll, aber wir dürfen das Niveau nicht senken": Diversität erhöht das Niveau.

Zweitens gibt es das Argument: "Wir hätten ja gerne Frauen, aber wir finden Sie nicht." Hier lautet die einfache Antwort: Suchet, so werdet ihr finden. Es gibt viele unglaublich talentierte Frauen - nur eben nicht in den üblichen männlichen Netzwerken. Fragen Sie andere Frauen nach Empfehlungen, gehen Sie dorthin, wo Frauen sind, die bisher übersehen oder zu wenig gefördert wurden - auch in der eigenen Firma. Stellen Sie Ihre Firma so dar, dass sie wie ein Magnet für talentierte Frauen wirkt. Verwenden Sie in Texten auf Ihrer Website und in Broschüren die weibliche Form. So etwas wird wahrgenommen.

Drittens: Fördern und stellen Sie Frauen ein wie Männer - nach ihrem Potenzial, nicht nach ihren Bewerbungsunterlagen. Bisher werden Männer in der Regel wegen ihre Entwicklungsmöglichkeiten eingestellt, Frauen nach dem, was sie vorweisen können. Für einen männlichen CEO ist es einfach, einen jungen Mann anzuschauen und dabei zu denken: "Er erinnert mich an mich selbst, wie ich in seinem Alter war. Natürlich kann er den Job." Bei einer Frau sagt er eher: "Hat sie so einen Job schon mal gemacht? Hat sie ihn lange genug gemacht? War sie gut genug?" Wenn man die Praxis ändert und Frauen nach ihrem Potenzial, Männer nach ihrer Bewerbungsmappe einstellt, dann hat man die Frauenquote schnell erreicht.

Ich glaube an Kommunikation durch Demonstration. Zahlen und Fakten, Wortgefechte bringen nichts. Sexismus und Diskriminierung ändern sich nur, wenn Männer täglich ganz normal mit weiblichen Talenten umgehen und es keine andere Option gibt. Dann können sie die Augen öffnen und all die tollen Dinge sehen, die man gemeinsam erreichen kann. Die Leute von Google sind stolz auf ihre Fähigkeit, die Zukunft zu gestalten. Dann sollten sie auch in der Lage sein, ihre Personalpolitik so zu ändern, dass Gleichstellung auf jeder Ebene erreicht wird, und zwar so schnell wie möglich.

Cindy Gallop, 57, ist Gründerin der Internet-Plattform MakeLoveNotPorn. Sie lebt in New York. Aus dem Englischen von Nikolaus Piper.

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Quelle:
SZ vom 12.08.2017
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