Gastbeitrag Wenn eine Kirche stirbt

Ein Jahrhundert lang haben im Immerather Dom die Menschen gebetet, gefeiert, geheiratet, getrauert. Jetzt kam der Bagger, um den Weg frei zu machen für den Braunkohle-Tagebau. Über eine besondere Form der Heimat-Verhöhnung.

Von Silke Niemeyer

Nur zwei Tage hat es gebraucht, um St. Lambertus, den stolzen "Immerather Dom", in Schutt zu legen. Der Abriss sei schneller gegangen als geplant, sagte ein Sprecher von RWE-Power. Der Weg ist frei zur Braunkohle, mit der immer noch Kohle zu machen ist, trotz Klimawandel.

Kann man Mitleid mit einem Gebäude haben? Man kann. Das spürte, wer zusah, wie die Bagger die Mauern fraßen und dem Gotteshaus den Kopf abbissen. Man redet jetzt viel von Heimat. Was einem aber aus den Bildern von Immerath entgegenspringt, ist die bodenlose Verhöhnung von Heimat. Vielleicht waren deshalb so wenig Zuschauer da. Manche Anblicke erspart man sich lieber. Die Gläubigen, die in St. Lambertus getauft wurden, sich das Jawort gaben, trauerten und die Messe feierten, sie hatten sich schon über Jahre von ihrer Kirche verabschieden müssen.

Sie sind nicht die einzigen, denen das passiert, nur sind es sonst die Kirchen selbst, die ihre Gotteshäuser aufgeben, weil die Besucher fehlen und der Unterhalt zu teuer wird. Ein Schuft, der eine ungewollte Win-win-Situation sieht? Die geschrumpfte Gemeinde bekommt eine Kapelle, RWE die Prügel für den Abriss. Wo eine Kirche verschwinden soll, ist die Hölle los, auch bei denen, die nicht mehr zum Gottesdienst kommen. Wegen der Kultur, heißt es. Vielleicht auch, weil man ahnt, dass eine Kirche für das Verlangen nach Glauben, Barmherzigkeit und Nächstenliebe steht.

Lambertus, der Märtyrer, ist mit glühenden Kohlen dargestellt; er soll sie im unversehrten Chorhemd getragen haben, um Weihrauch zu entzünden. Welcher Geruch beim Verfeuern der Immerather Kohle in der Luft liegen wird?