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Gastbeitrag:Hilfe zur Selbsthilfe

Das moderne Gesundheitswesen konnte sich nur zusammen mit der Demokratie entwickeln. Denn es setzt auf die Selbstdisziplin der Bevölkerung. Auch Quarantänemaßnahmen gehören dazu. Sie gefährden das politische System in Deutschland nicht, sondern helfen jetzt, es zu bewahren.

Von Hedwig Richter

Die Quarantäne ist ein Exerzitium der Demokratie: Der freie Bürger beugt sich der Vernunft, die selbstbestimmte Bürgerin akzeptiert Entscheidungen der von ihr gewählten Regierung. Wer glaubt, Gehorsam, Disziplin und Gleichschritt seien mit Demokratie unvereinbar, verpasst einen zentralen Aspekt von Demokratie und ihrer eigentümlichen Geschichte. Jener momentan aufblühende Heroismus, der unsere Gesundheit und Körper angesichts der eigentlichen, hehren Werte der Demokratie für sekundär erklärt, springt zu kurz.

Gesundheit und Körper sind, sobald sie ins staatstheoretische Licht geraten, so viel mehr als reine Privatsache. Auf dem Titelbild von Thomas Hobbes' "Leviathan" von 1651 finden sich in den leeren Straßen der Stadt nur Soldaten und die Seuchen-Ärzte mit den schnabelartigen Pesthauben. Hobbes' Theorien aber stehen am Beginn des modernen Staats: Nicht mehr Gott sorgt für Legitimation, sondern die Bürger, die sich freiwillig dem Staat beugen. Und der Staat steht in der Pflicht, die Naturmacht Krankheit im Zaum zu halten.

Aber gilt der Zugriff des Staates auf den Körper nicht nur für vordemokratische Zeiten, für Untertanen ohne Freiheitsrechte? Das Gegenteil ist der Fall: Mit den Ideen von Gleichheit und Demokratie wuchs die Konzentration auf den Körper und seine Disziplinierung. Der moderne Staat bedurfte der gesunden Individuen, der Steuerzahler und arbeitsamen Körper. Zugleich aber wurde die Disziplinierung mit Freiheit verbunden - ein Paradox, das eine Grundlage der sozialen, liberalen Demokratie bildet. "Ein schwachsinniger Despot kann Sklaven mit eisernen Ketten zwingen", erklärte 1767 ein Aufklärer, "ein wahrer Politiker jedoch bindet sie viel fester durch die Kette ihrer eigenen Idee."

Die freiwillige Unterwerfung der Menschen gipfelte in der Vorstellung von der Partizipation des mündigen Bürgers, der im Staat mitwirkt und sich dem Gemeinwohl verpflichtet. Das sind Tugenden, die strenger Disziplinierung bedürfen. Im Kern dieser Vorstellungen von Selbstbestimmung steht der Körper. Der Bürger ist geradezu "der absolute Herr, der vollständige Besitzer seines Körpers", hieß es während der Französischen Revolution in der Nationalversammlung. Denn wer versklavt ist und wessen Körper willkürlich von andern misshandelt werden darf, kann nicht frei sein. Und so blieb es lange unvorstellbar, dass Frauen, die weitgehend nicht über ihre Körper herrschten, Staatsbürgerinnen sein könnten. Hier wird auch deutlich, warum sich Demokratie in enger Verbindung mit dem Gesundheitswesen entwickelt hat. Wessen Körper schmerzt, ist nur bedingt ein freier Mensch, Hunger und Kälte widersprechen der Würde des Menschen. Der Staat muss also zum Sozialstaat werden, um die Körper und die Menschenwürde zu schützen.

Spätestens in der Mitte des 19. Jahrhunderts war das den Hellsichtigen klar, und sie sprachen von der "socialen Demokratie". Tatsächlich baute der Staat mit zunehmenden Partizipationsrechten Sozialstaat und Gesundheitswesen aus. Der renommierte Mediziner Rudolf Virchow wurde seit 1848 nicht müde zu verkünden: keine Demokratie ohne Gesundheit, keine Gesundheit ohne Demokratie. Dabei ging es nicht darum, Kranken die Würde abzusprechen, vielmehr sollten vermeidbare Krankheiten bekämpft werden, und Gesundheit sollte nicht länger ein Privileg der Reichen bleiben. Virchows Untersuchungen von Seuchen hatten ihm gezeigt, dass Armut, Unfreiheit und Unbildung Ursachen vieler Krankheiten sind. Es gebe nur eine angemessene Staatsform, um die Bürger zu schützen: "freie und unumschränkte Demokratie". Die Politikwissenschaftlerin Gundula Ludwig verweist darauf, worum es Virchow und vielen Hygienikern ging: um die "Selbstregierung".

Denn wenn die Gesundheit auf staatliche Übermacht angewiesen ist, auf blinden Gehorsam, steht es schlecht um sie. Sie bedarf der selbstbestimmten Mitarbeit der Bürger und Bürgerinnen, schon allein deswegen, weil die Staatsmacht an der Schwelle zur Wohnung haltmachen müsse, dort aber die Heimstätte von Sauberkeit und Gesundheit liegen. Im Kaiserreich begrüßten Hygieniker und Mediziner, dass überall der "Autoritätenglaube" schwinde und die wachsende Selbständigkeit immer mehr Menschen ermächtige, ihre Körper angemessen zu pflegen. Viele Frauenrechtlerinnen gehörten in Deutschland und anderswo zu den Künderinnen dieser Lehren. Ihre angebliche Kompetenz im Haus, ihre Fähigkeit zu Reinlichkeit und Ordnung und ihre Sorge um die Gesundheit wurden als eine der Grundlagen der Gesellschaft angesehen.

Die Weimarer Republik mit ihrem beeindruckenden Sozialstaat bestätigte die alten Lehren Virchows. "Das deutsche Staatswesen ist eine Demokratie", erklärte 1919 ein Mediziner, "und da ein Herrscher zu einem schweren Beruf erzogen werden muß, so muß auch das Volk erzogen werden, damit es gewinne an Gesundheit und Kraft". Für die junge Republik galt ebenso wie für viele andere Staaten: Die Einführung des Frauenwahlrechts ging mit einer Ausweitung des Sozialstaats einher.

Gewiss, die Nazis erwiesen sich dann als die großen Fanatiker der gestählten Körper und der Hygiene, und sie konnten an rassistische, menschenfeindliche Traditionen von Gesundheitsvorstellungen anknüpfen. Doch fehlte den Eugenikern und NS-Medizinern, was den Aufklärern und Demokratinnen so am Herzen lag: die Gleichheit und die Selbstregierung. Der Gehorsam musste blind, der Gleichschritt willenlos, Gesundheit hierarchisch sein. Folgerichtig wurden Körper schutzlos der Gewalt ausgeliefert: im Straßenterror der SS, im "totalen" Krieg und ultimativ im Massenmord an Millionen Menschen.

Die Bundesrepublik aber konnte an die langen Traditionslinien der "socialen Demokratie" anschließen, an das frühe Gesundheits- und Versicherungswesen des 19. Jahrhunderts und an die Weimarer Republik. In der Quarantäne drückt sich also eine urdemokratische Praxis aus: Bürgerinnen und Bürger sorgen sich in Souveränität um ihre Körper, für deren grundlegenden Schutz der Staat verantwortlich ist - um die Menschenwürde zu gewährleisten. Die Quarantäne ist kein Freiheitsentzug, sie ist ein Hochamt der Demokratie.

Die Historikerin Hedwig Richter, 47, ist Professorin an der Bundeswehruniversität München.

© SZ vom 18.04.2020
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