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 Gastbeitrag:Der Treulose

Vulgarität, Sexismus, Rassismus und trotzige Unwissenheit: Warum ein Präsident Donald Trump ohne Skrupel die Ideale und Interessen der Vereinigten Staaten verraten würde. Seine Wahl wäre ein Desaster für die Welt.

Von Bernard-Henri Lévy

Sollte Donald Trump tatsächlich der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden, hätten die USA ein vielschichtiges Problem. Und die Welt auch.

Da wäre zunächst einmal seine unfassbare Vulgarität. Amerika hat schon viel erlebt, aber noch keinen potenziellen Präsidenten, der in einer Fernsehdebatte die Größe seines Penis diskutierte. Problematisch wäre auch sein nahezu krankhafter Frauenhass. In einem Gespräch im Jahr 1992 mit dem Architekten Philip Johnson, über das im New York Magazine berichtet wurde, äußerte er: "Man muss sie wie Scheiße behandeln." Trump betrachtet Frauen auch heute noch als ekelerregende Wesen, bei denen, wie er über die Journalistin Megyn Kelly (Fox News) ätzte, "Blut wer weiß wo rauskommt".

Dann sein ungenierter Rassismus: Trump hatte, behauptete seine erste Frau, lange Zeit eine Sammlung von Hitlers Reden auf seinem Nachtschrank liegen. Er beschreibt Schwarze unbekümmert als "faul" und Mexikaner als Vergewaltiger; Muslimen weist er eine Kollektivschuld am islamistischen Terrorismus zu.

Problematisch wäre auch sein Antisemitismus, der in Tischgesprächen darüber zum Ausdruck kommt, dass er sein Geld nur von "kleinen kurzen Kerlen, die Kippa tragen", zählen lassen wolle; oder in Tweets, die das Judentum des Comedians Jon Stewart herausstellen; oder in seiner wütenden Bemerkung vom Dezember gegenüber der Republican Jewish Coalition: "Ihr werdet mich nicht unterstützen", sagte er, "denn ich will euer Geld nicht!"

Hinzu kommt seine krasse Unkenntnis nicht nur über die Welt, sondern auch über sein eigenes Land. Selbst wenige Tage vor dem Referendum über die weitere EU-Mitgliedschaft Großbritanniens war ihm die Bedeutung des Wortes "Brexit" unbekannt.

Am schwersten aber wiegt, dass der Präsident der führenden Weltmacht statt einer geopolitischen Vision einen Katalog undifferenzierter Vorstellungen hat. Trotz Trumps Versprechen, Amerika "wieder groß" zu machen, würde dieser Katalog den Wohlstand und die Sicherheit der USA untergraben. Man denke etwa an seine Anfang März in Umlauf gebrachte und vermutlich durch seine privaten Konkurse inspirierte Idee, die Staatsschuld der USA neu zu verhandeln. Es war eine idiotische Idee, denn die amerikanische Regierung, die ein Monopol auf die Ausgabe der weltführenden Reservewährung innehat, muss nichts "neu verhandeln". Die Folgen wären verheerend: ein sofortiger Anstieg der Zinssätze, ein Sturzflug des Dollars und ein Vertrauensverlust zwischen den USA und dem Rest der Welt.

Im Rahmen seiner Nominierungsrede beim Parteitag der Republikaner in Cleveland kündigte er an, als Präsident die Politik der Nato zu revidieren, wonach bedrohte Bündnismitglieder automatisch zu unterstützen sind. In der Welt, wie sie Trump vorschwebt, stünde es dann zum Beispiel Russland frei, seine Grenzen zu einem Nachbarstaat anzupassen oder einer russischsprachigen Minderheit zu Hilfe zu eilen, die von einem anderen Nachbarn "in Geiselhaft genommen" wurde. Es könnte in Polen oder natürlich der Ukraine einmarschieren, einen Konflikt mit Japan oder jedem beliebigen sonstigen Verbündeten des Westens im asiatisch-pazifischen Raum vom Zaun brechen.

Die Implikationen einer Wahl Trumps wären absolut entsetzlich

Und dann ist da natürlich der russische Präsident Wladimir Putin selbst, den zu loben Trump nicht müde wird. Schon 2009, bei der Vorstellung seines späteren Bestsellers "Think Big and Kick Ass", beschrieb Trump Putin im Sender CNN als großartigen Führer, der "hervorragende Arbeit (. . .) beim Wiederaufbau Russlands" leiste. Im September 2013 lobte er einen Kommentar in der New York Times, der die US-Politik in Syrien kritisierte und für den Putin als Verfasser angegeben wurde, als "Meisterwerk". Im September 2015, nach fast zwei Jahren einer an den Kalten Krieg erinnernden Konfrontation in der Ukraine-Frage, vergab er via Fox News eine Eins an Putin im Fach Führungsstärke.

Tatsächlich sind Trumps persönliche Beziehungen zu Russland alt und eng. Sie reichen bis in die frühen 2000er-Jahre zurück, als Trump sich zur Finanzierung von Projekten in Toronto, Soho und Panama an russische Investoren wandte. Es gibt inzwischen einige Berichte über eine Galaxie von Einflüssen und Interessen, die sich zu dieser Zeit zu seinen Gunsten um ihn herum gebildet hat: ein Firmament aus Gazprom-Direktoren, ehemaligen Lobbyisten für den ukrainischen Diktator Viktor Janukowitsch (darunter Paul Manafort, inzwischen Trumps Wahlkampfmanager) und bekannten Mitgliedern des organisierten Verbrechens.

George Stephanopoulos, ein ehemaliger Berater von Präsident Bill Clinton, spekuliert über mögliche Verbindungen zwischen Trumps Wahlkampfteam und dem russischen Regime. Und nun scheinen die Russen hinter dem Durchstoßen von 19 252 E-Mail-Nachrichten zu stecken, die detailliert zeigen, wie die Führung der Demokratischen Partei Hillary Clinton gegenüber ihrem Rivalen Bernie Sanders bevorzugte. Schlimmer noch: Trump stiftete anschließend eine ausländische Macht zur Cyberspionage gegen seine Gegnerin an: "Russland, falls ihr gerade zuhört", sagte er auf einer Pressekonferenz, "Ich hoffe, ihr seid imstande, 30 000 E-Mails zu finden, die fehlen."

Die Implikationen einer Wahl Trumps wären absolut entsetzlich. Das Problem bestünde nicht allein in seiner Vulgarität, seinem Sexismus, Rassismus und seiner trotzigen Unwissenheit. Es bestünde in seiner möglichen Treulosigkeit gegenüber Amerika selbst. Die Partei Eisenhowers und Reagans wurde von einem korrupten Demagogen gekapert, der nicht nur die Ideale seines Landes verrät, sondern auch seine grundlegenden nationalen Interessen.

Amerikas Gleichgewicht ist gestört. Es droht ein globales Desaster.

Bernard-Henri Lévy, 67, ist ein französischer Publizist, Mitbegründer der Bewegung der "Nouveaux Philosophes" und Verfasser mehrerer Bücher.

© SZ vom 06.08.2016
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