70. Todestag von Mahatma Gandhi:Der Glaube wird missbraucht

Rabiate Umweltzerstörungen, grassierendes Elend in den Dörfern, Hunderte Millionen Bauern, denen noch immer ein Leben in Würde verwehrt ist - all dies würde Gandhi vermutlich traurig stimmen. Wobei man fairerweise sagen muss, dass die Globalisierung vielerorts die Ärmsten vom Wohlstand ausschließt, dass sie die Kluft zwischen Arm und Reich auf allen Kontinenten immer weiter aufreißt. Regierungen, egal welcher Couleur, sind selten fähig oder gewillt, das Elend ganz unten aufzulösen.

Ob Gandhi die richtigen Antworten geben könnte, ist nicht gewiss. Wahrscheinlich aber ist, dass den radikalen Asketen der sorglose Konsum, der die Grundlagen allen Lebens bedroht, schockieren würde. Vielleicht würden schon etwas mehr Demut und Bescheidenheit helfen, um Zukunft für alle zu ermöglichen.

Gandhi war ein zutiefst spiritueller Mensch, aber seine Religiosität unterschied sich doch deutlich von jenen Tendenzen, die heute vielerorts eine Renaissance erleben. Politik setzt immer stärker auf Religion als Werkzeug. Der Glaube wird dazu missbraucht, Macht zu zementieren und Gefolgschaft zu mobilisieren, auch und gerade in bewusster Absetzung zu anderen Religionen.

Diese spalterischen Strategien sind auch in Indien zu beobachten, wo die Hindu-Rechte seit einigen Jahren großen Auftrieb verspürt. Sie beruft sich auf nationalreligiöse Ideen, die darauf zielen, das pluralistische Indien in einen Hindustaat zu verwandeln. Es waren diese Vorstellungen, die einst auch den Hass radikaler Hindus auf den Versöhner Gandhi schürten.

Religiöse Hetze ist das gefährlichste Gift, das den sozialen und politischen Frieden Indiens bedroht. Deshalb wäre eine Rückbesinnung auf die Versöhnungsgedanken Gandhis eine Lebensversicherung für den multikulturellen Staat, der schon in wenigen Jahren das bevölkerungsreichste Land der Welt sein wird.

© SZ vom 30.01.2018/dit
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