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Gambia:Der Machtkampf hat sich zu einer regionalen Krise ausgewachsen

Denn obwohl Gambia winzig und geopolitisch einigermaßen unbedeutend ist, hat sich der Machtkampf zwischen Jammeh und Barrow zu einer regionalen Krise ausgewachsen. Westafrika hat sich in den vergangenen Jahren verändert, in mehreren Staaten der Region haben friedliche Machtwechsel stattgefunden, eine neue Generation von Politikern ist an die Macht gekommen.

Nun zeigt sich, dass Staatschefs wie Muhammadu Buhari in Nigeria, Macky Sall in Senegal und Ellen Johnson-Sirleaf in Liberia nicht bereit sind, ein Verhalten wie das von Jammeh zu tolerieren. Schon zwei Mal hat der westafrikanische Staatenblock Ecowas eine Vermittlermission in die gambische Hauptstadt Banjul entsandt, um Jammeh zur Machtübergabe zu bewegen, zuletzt am vergangenen Freitag. Bisher ohne Erfolg.

Doch Jammehs Noch-Kollegen sind offenbar bereit, bis zum Äußersten zu gehen: Sie wollen zur Not ein UN-Mandat für ihre regionalen Truppen erwirken, um in Gambia einzumarschieren und so dem Wahlsieger ins Amt zu helfen, wie der UN-Gesandte für Westafrika, Mohamed Ibn Chambas, am Freitag in New York mitteilte. Dieses Szenario wäre eine Premiere. Noch nie haben afrikanische Staatschefs einen ihrer Kollegen dermaßen unter Druck gesetzt, damit dieser sich an demokratische Regeln hält. Sicher, Gambia ist eher ein Leichtgewicht unter den westafrikanischen Staaten; ein Einmarsch dort birgt weniger Risiken als etwa im straff regierten Tschad.

Das Ausland hat jahrelang großzügig über Jammehs Eskapaden hinweggesehen

Dennoch: Dass die Möglichkeit im Raum steht, ist bemerkenswert - zumal das Ausland (in Afrika und darüber hinaus) jahrelang großzügig über die Eskapaden Jammehs hinweggesehen hatte. Dabei gehört der Ex-Offizier schon seit seinen ersten Regierungsjahren zu Afrikas schlimmsten Diktatoren.

In Gambia werden nicht nur Regierungskritiker und Journalisten verfolgt, sondern auch Homosexuelle; Jammeh verfolgt sogar Menschen, die angeblich der Hexerei nachgehen. Seit einiger Zeit kann auch Europa nicht mehr ignorieren, was in dem kleinen Küstenstaat vor sich geht. Unter den Mittelmeerflüchtlingen des vergangenen Jahres fanden sich erstaunlich viele Gambier.

Paradoxerweise sehen Beobachter ausgerechnet in Jammehs Unberechenbarkeit Anlass zur Hoffnung. Peter Fabricius vom südafrikanischen Think Tank Institute for Security Studies erinnert daran, dass Jammeh die Wahlen wohl mühelos hätte fälschen können - "aber er tat es nicht". Ähnlich überraschend: Bisher hat Jammeh weitgehend auf Waffengewalt verzichtet und sein Ziel auf juristischem Weg verfolgt.

Am Sonntag, so berichten gambische Medien, habe der umstrittene Präsident seine Kollegin Johnson-Sirleaf in Liberia angerufen, um sie um Hilfe bei der Suche nach Richtern für das Oberste Gericht zu bitten. Es wird also noch gesprochen. Bis zur Vereidigung ist noch Zeit für ein paar Telefonate.

© SZ vom 17.01.2017/jly
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