Galapagos Patenonkel in Blau-Gelb

Verloren gehen kann er nicht: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, auf den Galapagos-Inseln für alle im Tross gut zu erkennen.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier begibt sich auf den Spuren von Alexander Humboldt auch auf die Galapagos-Inseln. Dort erinnert er an unser aller Verantwortung für die Umwelt.

Von Boris Herrmann, Galapagos

Es ist nur eine kurze Zeremonie, aber sie werden gewiss noch lange von ihr erzählen auf den Galapagosinseln. Frank-Walter Steinmeier, 63, aus dem fernen Deutschland und Alejandra, 1, aus der örtlichen Zuchtstation "Charles Darwin" gehören ab jetzt zusammen - als Schildkrötenpate und Bundespräsidentenpatenkind. Steinmeier bekommt seine kleine Riesenschildkröte in einem Glaskästchen überreicht. Er erntet Applaus, als er das Kästchen vorsichtig, aber offensichtlich gerührt in die Luft hält. Dann gibt er Alejandra wieder zurück, sie soll demnächst in freier Wildbahn ausgesetzt werden. Steinmeier sagt: "Ich kann aber nicht täglich zum Füttern vorbeikommen."

Hier draußen im Pazifik, 1000 Kilometer vor der Küste von Ecuador, kamen im Lauf der Jahrhunderte zahlreiche Piraten und zuletzt auch mehr und mehr Touristen vorbei. Vom Besuch eines deutschen Bundespräsidenten gab es bis zu diesem Tag keine Zeugnisse. Steinmeier ist offiziell "auf den Spuren Alexander von Humboldts" in Südamerika unterwegs. Und im ersten Moment mag es nach einem Widersprung klingen, dass er dabei einen Abstecher auf den Galapagosarchipel macht. Humboldt war hier nie.

"Wer hier herkommt, versteht, weshalb man die Galapagos-Inseln auch den Garten Eden nennt." - Frank-Walter Steinmeier

Allerdings lautet die zentrale Erkenntnis, die der preußische Naturforscher auf seiner Südamerikareise vor 220 Jahren gewann, dass auf dieser Welt alles mit allem zusammenhängt. Diese Idee prägt auch das aktuelle Reiseprogramm des Bundespräsidenten. Charles Darwin wäre ohne die Inspiration Humboldts wohl niemals nach Galapagos gekommen, wo ein wesentlicher Teil seiner Evolutionstheorie entstand. "Er hat Humboldt hier zu Ende gedacht", erklärt Sarah Catherine Vogel, die Steinmeier auf dieser Reise als Expertin begleitet. Vogel ist nicht nur die führende Forscherin über die endemische Galapagos-Tomate, sondern auch eine Ururenkelin Charles Darwins. Alles hängt mit allem zusammen.

Es ist Donnerstagmorgen, als die Delegation aus Berlin auf dem "ersten klimaneutralen Flughafen Lateinamerikas" landet. Zugegebenermaßen mit einer nicht ganz so klimaneutralen Maschine. Über die Ökobilanz dieser Umweltschutzreise kann man sicherlich streiten. Aber die Welt ist eben nicht nur voller Zusammenhänge, sondern auch voller Widersprüche. Auch der Friedensnobelpreisträger Al Gore flog einst um die Welt, um sie aufzurütteln. Und Steinmeier hat nun offenbar nichts Geringeres als die Rettung "des einzigen Planeten, den wir haben" als Leitmotiv seiner Präsidentschaft für sich entdeckt. In seiner Festrede zur Eröffnung des Humboldt-Jahres am Vorabend in Quito positionierte er sich als Aufklärer im Geiste Humboldts und Darwins. Er erinnerte an "unsere gemeinsame Verantwortung" für die sensible ökologische Balance auf der Erde und bezeichnete den Umweltschutz als Menschheitsaufgabe. "So wie bisher können wir nicht weitermachen", sagte er. Aber als Politikprofi kennt er natürlich die Kraft der Bilder und Symbole. Er weiß, dass sich mit einer fotogenen Schildkrötentaufe vermutlich mehr bewegen lässt als mit jeder Festrede.

Schon sein optischer Auftritt auf Galapagos ist symbolträchtig. Steinmeier hat die Reiseempfehlung mit der Funktionskleidung eher übererfüllt. Er trägt rote Wanderschuhe, ein kurzärmliges Hemd und eine grellgelbe Allwetterhose. Beim Rundgang über die menschenleere Insel Seymour Norte begegnet der Bundespräsident Braunpelikanen, Seelöwen, Landleguanen und Fregattvögeln, die hier keine natürlichen Feinde haben, und deshalb auch keinen Fluchtreflex. Zwei Fregattvögel bleiben tiefenentspannt vor ihm sitzen, während sich Steinmeier über ihre Lebensweise unterrichten lässt. Fregattvögel können 14 Tage lang ohne Unterbrechung fliegen, wobei jeweils eine Gehirnhälfte schläft und die andere steuert. Das gefällt Steinmeier. So ließen sich auch Politikerreisen erträglicher gestalten.

Am Nachmittag im Hochland der Insel Santa Cruz lernt der Bundespräsident freilebende Exemplare der berühmten Galapagos-Riesenschildkröten kennen. Auf manchen kleineren und flacheren Inseln sind sie ausgestorben, hier nicht. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurden Abertausende dieser Tiere von Seeräubern auf ihre Schiffe verladen, als Frischfleisch-Proviant blieben sie auf dem Rückenpanzer liegend bis zu ein Jahr am Leben. Aber eine ausgewachsene Schildkröte wiegt 250 Kilogramm, das trägt nicht einmal ein echter Pirat aus dem Hochland zum Hafen hinab. Steinmeier beantwortet hier oben Kinderfragen für die "Sendung mit der Maus". Er sagt: "Wer hierherkommt, versteht, weshalb man die Galapagos-Inseln auch den Garten Eden nennt."

Dass der Mensch mal wieder das Paradies bedroht, das ist seine zentrale Botschaft dieser Reise. Unten am Strand von Santa Cruz spricht er mit Inselbewohnern, die den Sand nach Mikroplastikpartikeln durchsieben. Mehr als 22 Tonnen an Plastikmüll wurden hier im vergangenen Jahr angeschwemmt. Darunter Flaschen mit asiatischen Etiketten und Tüten aus Peru. Steinmeier sagt: "Wenn wir nicht umdenken, schwimmt bis 2050 womöglich mehr Plastikmüll als Fische in den Ozeanen. Und das Umdenken dürfen wir nicht alleine dem Staat Ecuador überlassen."

"Nichts ist so politisch wie die Natur", so sieht das Johannes Vogel, Direktor des Berliner Naturkundemuseums und Ehemann von Darwins Ururenkelin. Vogel sagt: "Wenn ein Politiker wie Steinmeier jetzt damit anfängt, das zu thematisieren, dann ist dieser aufwendige Trip seinen CO₂-Abdruck allemal wert."