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Gabriele Pauli auf Sylt:Sturmerprobt

Gabriele Pauli bei der Bürgermeisterwahl auf Sylt

Fast 20 Jahre war sie Landrätin: Diese Erfahrung spricht für Gabriele Pauli.

(Foto: dpa)
  • Bei der Bürgermeisterwahl in der Gemeinde Sylt hat die ehemalige Fürther Landrätin Gabriele Pauli 30,6 Prozent geholt. Damit geht sie als Favoritin in die Stichwahl gegen ihren Konkurrenten Nikolas Häckel.
  • Ihre langjährige Erfahrung in der Kommunalpolitik könnte Pauli auf Sylt nützlich sein. Auf der Nordseeinsel müsste sie Lösungen für das Spannungsfeld von Viel-Sterne-Tourismus, Platznot für Einheimische und Abwanderung aufs Festland finden.
  • Der gebürtige Sylter Lars Schmidt, der ebenfalls bei der Wahl angetreten war, räumt Pauli gute Chancen ein, auch die Stichwahl zu gewinnen.

Am Morgen nach der Wahl klingt Bürgermeisterkandidat Lars Schmidt etwas matt, was einerseits mit dem Schnupfen zu tun hat, den er sich in diesen lauen Dezembertagen auf Sylt geholt hat. Vor allem aber hat es damit zu tun, dass er sich zum Schnupfen auch noch eine heftige Niederlage im Kampf um den höchsten Verwaltungsposten im Westerländer Rathaus eingefangen hat. Nur 5,5 Prozent der Stimmen hat er bekommen für seine kantigen Gedanken, mit denen er als gebürtiger, parteiloser Sylter gegen den Ausverkauf der Insel kämpfte.

Er hatte keine Chance gegen die charmanteren Wahlgewinner, die frühere Fürther Landrätin Gabriele Pauli (30,6 Prozent) und den Kronshagener Bauamtsleiter Nikolas Häckel (27,0). Und auch wenn die beiden erst am 11. Januar zur Stichwahl antreten - die Hoffnung, dass demnächst ein Einheimischer die Probleme der Sylter anpacken kann, sieht er in Scherben. Wenn es um die Nachfolge der scheidenden Petra Reiber geht, die 1991 aus Frankfurt am Main ins Amt kam, führt an Frau Pauli aus seiner Sicht kein Weg mehr vorbei. "Die wird am Ende auch gewinnen", sagt Schmidt.

Vorsicht vor Klischees

Gabriele Pauli und Sylt. Die bayerische Populär-Politikerin und die norddeutsche Prominenten-Ferieninsel. Das dürfte nun also doch eine längere Geschichte werden, und man muss aufpassen, dass man sich dabei nicht in Klischees verfängt. Das geht bei Gabriele Pauli nämlich ganz schnell, weil das Medienland sie in erster Linie unter dem Schlagwort "CSU-Rebellin" sowie wegen einschlägiger Fotostrecken in Erinnerung behalten hat. In Wirklichkeit hat sie ein paar Facetten mehr - und zwar auch welche, aus denen man schließen darf, dass Sylt nicht umgehend unterginge, sollte Gabriele Pauli tatsächlich ins Rathaus von Westerland einziehen.

Die CSU-Rebellin

Gabriele Pauli, 57, setzte bei ihrer Kandidatur auf ihre unbestreitbare Sachkompetenz als Kommunalpolitikerin - immerhin war die promovierte Politologin 18 Jahre lang Landrätin für die CSU in Fürth. Bundesweit bekannt geworden war sie allerdings als "CSU-Rebellin". Im Jahr 2006 stellte sie sich öffentlich gegen CSU-Chef Edmund Stoiber - und beschleunigte so das Ende von Stoibers immerhin 14 Jahre währenden Amtszeit als Ministerpräsident in Bayern. Nach einer gescheiterten Kandidatur als CSU-Vorsitzende ("Ich will durchstarten") ging Pauli zu den Freien Wählern, zog für sie in den bayerischen Landtag ein und in den Europawahlkampf - und überwarf sich mit ihnen. Bis 2013 blieb sie als fraktionslose Abgeordnete Mitglied des Landtags in München. Ihrer 2009 von ihr selbst gegründeten Partei, der Freien Union, war kein Erfolg beschieden. Seit 2010 ist Pauli parteilos. SZ

Von 1990 an war sie Landrätin, 18 Jahre lang, diese Erfahrung spricht für sie. Belastbar ist die 57-Jährige auch. Wer als meinungsfeste Frau dem Gegenwind der CSU-Männergesellschaft standgehalten hat wie sie, als sie vor Jahren gegen den damaligen Parteichef und Ministerpräsidenten Edmund Stoiber aufbegehrte, muss über stählerne Nerven verfügen.

Wenn man mit ihr über Sylt spricht, erlebt man eine Zugezogene, die sich wirklich befasst hat mit den Problemen der Insel im Spannungsfeld von Viel-Sterne-Tourismus, Platznot für Einheimische und Abwanderung aufs Festland. Selbst Lars Schmidt findet sie in dieser Hinsicht überzeugender als Nikolas Häckel, der auf Sylt geboren ist. Schmidt sagt: "Die Frau Pauli hat sich in der kurzen Zeit mehr mit den Inselthemen beschäftigt."

Gesicht oder 10-Punkte-Programm?

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Analyse
Paulis Kandidatur als Sylter Bürgermeisterin

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Kompetenz von außen kann hilfreich sein für eine Insel, die den Spagat schaffen muss zwischen modernem Fremdenverkehr und lokaler Identität. Die Idee für ihre Kandidatur als Parteilose kam aus Sylt, der Koch Rainer Zerwas hat sich längst dazu bekannt. Und doch fragt man sich, was genau die Sylter eigentlich wählen, wenn sie Pauli wählen. Ein Gesicht? Eine Medienfigur? Oder doch dieses Zehn-Punkte-Programm, nach dem Pauli mehr Wohnraum schaffen und eine Stiftung für eine neue Geburtenstation anschieben will?

Gabriele Pauli hat in ihrem Wahlkampf auch wieder eine ihrer berüchtigten Ideen eingebracht, bei denen man nie so genau weiß, ob sie ernst gemeint oder ein Scherz sind. Sie wolle einheimischen Eltern für jedes Neugeborene ein "Babywillkommensgeld" von 5000 Euro auszahlen, kündigte sie an. Das brachte sicher Sympathiepunkte, zielte allerdings auch an ihren Gestaltungsmöglichkeiten vorbei.

In Schleswig-Holstein tickt die Kommunalpolitik anders als in Bayern, wo Bürgermeister auf der Basis der Fraktionsmehrheit im lokalen Parlament regieren. Auf Sylt würde Gabriele Pauli als Bürgermeisterin eine Art Geschäftsführerposten bekleiden, sie wäre daran gebunden, was die ehrenamtlichen Fraktionsmitglieder mit Bürgervorsteher Peter Schnittgard (CDU) in der Gemeindevertretung entscheiden. "Wahlversprechen zu Dingen, die nicht vorhanden sind, von wem auch immer, sind Fragen, die von der Politik gewollt, beraten und beschlossen werden müssen", sagt Schnittgard. Im Klartext: Sie sind nichts wert.

Trend "in Richtung Freizeitpark"

Im Mediengewitter um Gabriele Pauli gehen solche Widersprüche unter. Auch Lars Schmidt muss zugeben, dass einer wie er oder der Sylter Rechtsfachwirt Bernd Reinartz (CDU, 17,9 Prozent) gegen den Promistatus einer Pauli keine Chance haben. "Das ist kostenlose PR", sagt er und sorgt sich weiter um seine Insel.

Nur 53,5 Prozent der 12 824 Wahlberechtigten in der größten Sylter Gemeinde gaben am Sonntag ihre Stimme ab. "Große Resignation bei den Leuten", schließt Schmidt daraus und zählt wenig später auf, wer aus seinem Bekanntenkreis zuletzt wieder weggezogen ist. Die Frau Pauli findet er im Grunde gar nicht so schlecht. Trotzdem: Wegen ihres Profils als prominente Nicht-Sylterin beschleicht Lars Schmidt auch die leise Ahnung, dass sich der Trend der vergangenen Jahre auf seiner Insel mit ihr fortsetzen wird: "In Richtung Freizeitpark."