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Gabriel auf dem SPD-Parteitag:Zumutungen vom Chef

Als Sigmar Gabriel 2009 eine am Boden liegende Partei aufrichten musste, galt er noch als Hallodri der SPD. Heute steht der SPD-Chef erneut nach einer krachenden Wahlniederlage vor den Genossen. Die Leichtigkeit ist verschwunden, er verlangt den Delegierten einiges ab. Doch schnell wird klar: Beide Auftritte sind Teil eines größeren Plans.

Als Sigmar Gabriel am Donnerstagmittag ans Rednerpult tritt, ist er seit vier Jahren und (fast) einem Tag Vorsitzender der SPD. Vier Jahre und einen Tag vorher hat er sich schon einmal an ein Rednerpult gestellt, beim Parteitag in Dresden. Er hielt damals die wichtigste Rede seines politischen Lebens, seine Bewerbungsrede, und er gab mit dieser Rede einer gedemütigten Partei das Gefühl, dass es weitergehen könnte, irgendwie. Als er nun beim Parteitag in der Neuen Messe Leipzig die "lieben Genossinnen und Genossen" begrüßt, dürfte ihm klar sein, dass dies seine zweitwichtigste Rede sein wird.

Damals, in Dresden, hatte die SPD krachend die Wahl verloren, war ausgelaugt von elf Jahren an der Regierung und bereitete sich auf ihre Rolle in der Opposition vor. Gabriel galt als politischer Hallodri mit enormem politischen Potenzial.

Nun, in Leipzig, hat die SPD vor Kurzem krachend die Wahl verloren, knabbert auch nach vier Jahren im Abklingbecken noch an den Regierungsjahren und bereitet sich auf ihre Rolle in der nächsten Regierung vor. Gabriel gilt als politische Potenz mit einer Restneigung zum Hallodritum.

Der Acht-Jahres-Plan des Sigmar Gabriel

Es dauert nicht lang, bis klar wird, dass beide Reden, 2009 und 2013, zusammengehören, dass sie Teil eines größeren Plans sind. Man könnte ihn den Acht-Jahres-Plan des Sigmar Gabriel nennen.

In Dresden richtete er die Partei wieder auf, sie lag am Boden, und er hielt danach vieles von dem, was er versprochen hatte. Die SPD arbeitete die Regierungszeit auf und korrigierte moderat ihre Haltung zu Themen, an denen sie vorher fast zerbrochen wäre, etwa zu Teilen der Agenda 2010. Gabriel führte mehr Mitsprache für die Mitglieder ein, demnächst werden sie über die große Koalition abstimmen. Er wirbelte, häufig auch zu viel, aber er bewegte etwas, er legte ein Fundament. Am Ende brachte das trotzdem nichts. Deshalb geht es jetzt, in Leipzig, ums Durchhalten. Bis 2017. Dann wird wieder gewählt, dann tritt Angela Merkel womöglich nicht mehr an.

Deshalb ist diese Rede, die er nun in Leipzig beginnt, kein Fest wie in Dresden. Stellenweise ist sie sogar eine Zumutung, weil sie kein Appell ist, nichts Flammendes hat, sondern ein gesprochener, stellenweise nicht sonderlich sorgfältig redigierter Essay ist. Entsprechend wenig Applaus bekommt Gabriel zwischendurch.

Da ist zum Beispiel die Passage, in der er sich auf die Suche nach Gründen für die Niederlage macht. Er verwirft die einfachen Erklärungen (Kanzlerkandidat passte nicht zum Programm, Agenda 2010 wird der Partei noch immer verübelt), um dann in eine lange, mäandernde Analyse einzusteigen, an deren Ende man verpasst hat, woran es denn nun gelegen hat. Zum Glück kann man es nachlesen, das Manuskript wird verteilt: Die Deutschen wollten demnach Stabilität und erwarteten sie von Angela Merkel. Sie trauten der SPD trotz aller Mühen nicht zu, soziale Gerechtigkeit herzustellen. Außerdem, sagt Gabriel, gebe es eine "kulturelle Kluft zwischen den SPD-Repräsentanten und ihrer Wählerschaft".

Was er damit meint, erläutert er mit einem Beispiel: Seine Frau, eine Zahnärztin, habe in Goslar eine Praxis übernommen. Kurz danach habe eine Frau dort angerufen, die "sehr arm war": Ob die armen Leute nun noch kommen dürften, oder ob nur noch die Oberen behandelt würden?