bedeckt München
vgwortpixel

Gabriel als SPD-Chef wiedergewählt:"Wer Visionen hat, soll zu uns kommen!"

Es ist eine Rede der Standortbestimmung. Die SPD sei die Partei des wahren Liberalismus, der in der SPD eine "neue Heimat" habe. Die Zeit der Mitte ist vorbei. Wo die SPD heute steht? "Mitte-links, liebe Genossinnen und Genossen! Mitte-links!"

Social Democrats Hold Annual Federal Party Congress

Parteichef Gabriel, Generalsekretärin Andrea Nahles: Dicke Freunde werden sie wohl nicht mehr.

(Foto: Getty Images)

Wer behauptet, die SPD vollziehe hier einen Linksruck, dem kann nur eines gesagt werden: Er hat völlig recht.

Gabriel schafft dafür auch Abstand zu Gerhard Schröder und dem sozialdemokratischen Übervater Helmut Schmidt. Schröder hatte in einer Sonntagszeitung Steuererhöhungen als falsch abgekanzelt. Gabriel: "Sonntagsreden - und übrigens auch Sonntagsinterviews - helfen uns nicht." Dafür gibt es Extra-Applaus.

Einen Hauch schlechter

Von Schmidt wiederum stammt das Zitat, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen. Gabriel hält dagegen, dass er damit nicht einverstanden sei. "Wer Visionen hat, soll zu uns kommen!" Wieder viel Beifall. Manchen Genossen dürfte da nach der gestrigen Schmidt-Show doch noch eingefallen sein, dass Schmidt in früheren Jahren mal zu den Sterblichen gehört hat.

Gabriel ist nicht erst mit dieser Rede die Nummer eins in der Partei. Unangefochten. Daran ändert auch nichts, dass sein Wahlergebnis einen Hauch unter dem von 2009 liegt. Nach seiner Rede wird er wiedergewählt; mit 447 Jastimmen oder 91,6 Prozent. In Dresden waren es noch 94,2 Prozent.

Verwunderlich ist daran eigentlich nur, dass er wieder mehr als 90 Prozent bekommen hat. Gabriel ist "anstrengend für die Partei". Das hat er den Delegierten auch genau so versprochen, bevor er in Dresden zum ersten Mal gewählt wurde. Ein Versprechen, das er in jeder Hinsicht gehalten hat.

Wobei, anstrengend war er vor allem für Andreas Nahles, seine Generalsekretärin.

Nahles kämpft ums Überleben

Nach seiner Rede, mitten im minutenlangen Beifall, zitiert Gabriel seine Generalin mit dem Zeigefinger zu sich. Das machen sonst nur Eltern mit ihren unartigen Kindern. Und vielleicht ist diese Wirkung nicht ganz unbeabsichtigt. Dicke Freunde werden der SPD-Chef und seine Generalsekretärin in diesem Leben nicht mehr.

Vor zwei Jahren in Dresden, nach dieser verheerenden Wahlniederlage, als nach einem ziemlichen Hickhack sich Gabriel und Nahles einig waren, die Partei zu übernehmen, da schien es noch, als würde Nahles die Rolle der Ko-Vorsitzenden übernehmen wollen. Manche unkten gar, ihr sei egal, wer unter ihr Parteichef sei. Schon damals hat ihr Wahlergebnis sie eines Besseren belehrt.

Später hält Nahles eine Rede, der anzumerken ist: Hier geht es um ihr politisches Überleben, ihren Einfluss auf die Partei. Jeder Satz so laut, so schrill wie ein Weckerklingeln. Es hilft nichts. Am Ende stehen 73,2 Prozent hinter Nahles. Das ist mehr als 2009, aber immer noch nur ein "ehrliches Ergebnis", wie es nach solchen Wahlausgängen so schön heißt. Und der endgültige Beweis, wer in der SPD der Chef ist.

© sueddeutsche.de/mcs/lala
Zur SZ-Startseite