G7 Die Welt ist mit Trump noch unberechenbarer geworden

Statt aber auf eine Amtsenthebung oder andere Wunder zu hoffen, sollten sich die US-Partner Trumps Gefallsucht und seinen Wunsch nach raschen Erfolgen zunutze machen.

Kommentar von Claus Hulverscheidt

Immerhin: Zur Seite geschubst hat Donald Trump diesmal niemanden. Er hat die langen Arme bei sich gehalten, ist nicht wie ein Bulldozer durch die Menge gepflügt und hat keinen seiner Kollegen brüskiert. Gemessen an seinem Auftritt beim jüngsten Nato-Gipfel also war die Teilnahme des US-Präsidenten am Treffen der Staats- und Regierungschefs aus den sieben führenden Industrienationen (G 7) ein Erfolg.

Das ist es allerdings dann auch mit den guten Nachrichten, denn inhaltlich gesehen war die erste G-7-Konferenz mit Trumps Beteiligung ein kapitaler Fehlschlag. Weder in der Flüchtlings- noch in der Klima-, Handels- oder Entwicklungspolitik gab es Fortschritte. Die Kluft zwischen den USA und den übrigen Partnern war in Taormina so groß, dass sich die Frage nach dem Sinn solcher Gipfel stellt.

Anders als etwa die G 20, der auch Autokratien wie Russland, Saudi-Arabien und die Türkei angehören, war die G 7 nie nur ein Vernunftbündnis. Die Gruppe verstand sich auch als Wertegemeinschaft, deren Mitglieder Überzeugungen teilen und sich nicht durch religiöse oder weltanschauliche Unterschiede im Handeln beschränken. Das Ja zu offenen Märkten und flexiblen Wechselkursen, zu Arbeitnehmerrechten und zum Dialog als Mittel der Streitlösung war kein erzwungenes, sondern ein Glaubensbekenntnis. All das ist, zumindest vorerst, abhandengekommen - so sehr, dass Angela Merkel hinterher frustriert befand, sie sehe in den USA keinen verlässlichen Partner mehr.

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Man kann die G 7 mit einiger Berechtigung als Überbleibsel einer prä-globalisierten Welt kritisieren, als ergraute Elite-Gemeinschaft, deren Bemühen um eine Steigerung des eigenen Wohlstands immer auch auf der Armut anderer beruhte. Doch erst mit Trump wird klar, was auf dem Spiel stünde, wenn ein solches Bündnis in die Brüche ginge. Wenn sich nicht einmal mehr Staaten mit ähnlichen Werten auf eine Agenda verständigen können, wie soll dann in einer immer komplizierteren Welt die Verständigung mit weit schwierigeren Kombattanten gelingen?

Trump folgt anderen Überzeugungen

Die Dinge werden zusätzlich dadurch erschwert, dass Trump nicht nur anderen Überzeugungen folgt, sondern auch ganz eigenen Erfolgskriterien. Während ein Großteil der Menschheit seine Auftritte mit ungläubigem Grausen verfolgt, kehrt der Präsident in der Überzeugung in die USA zurück, dass seine erste Auslandsreise ein voller Erfolg war: ein milliardenschwerer Waffendeal mit den Saudis, Schmeicheleien der Israelis und Palästinenser, ein lächelnder Papst und kleinlaute Europäer, die für die Auftritte des großen Zampanos kaum mehr als Staffage waren. Man sollte meinen, dass es Trumps Anhängern zu denken geben müsste, wenn ihr Land im G-7-Kreis in fast allen wichtigen Fragen isoliert ist. Doch das Gegenteil ist der Fall: Das Verhältnis von eins zu sechs verstärkt nur die Bunkermentalität und den Glauben daran, dass hier jemand auf einer Mission ist.

Angesichts der gewaltigen Differenzen und Trumps quälender Selbstgefälligkeit wird sich mancher Präsident oder Regierungschef mittlerweile die Frage stellen, ob ein Meinungsaustausch mit ihm überhaupt noch lohnt. Der Frust ist verständlich - und doch hätte es fatale Folgen, gäbe man ihm nach. Was wäre gewonnen, wenn sich Kanzlerin Merkel ähnlich arrogant aufführte wie der Selbstdarsteller aus Washington? Wenn ihm der Papst einen Empfang verweigerte? Wenn auch Emmanuel Macron plötzlich anfinge zu drängeln? Dem Egozentriker den Dialog zu verweigern, hieße, ihn noch aufzuwerten und seinen Furor zu befeuern.

Es bleibt deshalb nichts anderes übrig, als im Gespräch zu bleiben. Das ist kein Plädoyer dafür, sich an Trump zu gewöhnen, Rüpeleien, Banalität und Sexismus hinzunehmen oder, etwa in der Klimapolitik, einfach stehen zu bleiben. Im Einzelfall sind sogar sehr viel deutlichere Widerworte nötig, und auch Merkels Mahnung, Europa müsse sich stärker selbst helfen, ist berechtigt. Zugleich heißt es aber anzuerkennen, dass die Existenz dieses US-Präsidenten real ist.

Statt auf eine Amtsenthebung oder andere Wunder zu hoffen, sollten sich die US-Partner Trumps Spieler-Gen, seine Gefallsucht und seinen Wunsch nach raschen Erfolgen zunutze machen. Dass das geht, haben die Chinesen bewiesen, die vom Wirtschaftsstaatsfeind Nummer eins über Nacht zum Partner im Nordkorea-Konflikt mutierten. Wer weiß, ob nicht etwa ein Bekenntnis der Deutschen, ihre ja tatsächlich zu hohen Handelsüberschüsse abzubauen, den Präsidenten an anderer Stelle zu unerwarteten Zugeständnissen bewegt hätte.

Die Welt ist mit Trump zweifellos noch unberechenbarer und gefährlicher geworden. Und doch gilt: Ohne die USA werden die allermeisten Probleme nicht zu lösen sein. Und gegen sie schon gar nicht.

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