G20 und Afrika Biete Geld, fordere Reformen

Apapa, der Hafen der nigerianischen Metropole Lagos: Private Unternehmer klagen über Konkurrenz durch wohlmeinende Entwicklungsbanker.

(Foto: Pius Utomi Ekpei/AFP)

Der Gipfel soll private Investitionen in die Infrastruktur fördern.

Von Michael Bauchmüller, Isabel Pfaff, Berlin/München

Amy Jadesimi ist genau die Richtige, um das neue Konzept zu repräsentieren. Eine Managerin aus Nigeria, erfolgreich, eloquent, entschlossen. Die Bundesregierung hat sie nach Deutschland eingeflogen, jetzt sitzt sie in einem ehemaligen Gasometer im Berliner Stadtteil Schöneberg und erklärt den Zuhörern: "Das Geheimnis ist, wir sind hundert Prozent privat und indigen." Nicht gute Kontakte hätten ihr Unternehmen groß gemacht, sondern harte Arbeit. Ganz so, wie sich das die Gastgeber des G-20-Gipfels in Hamburg wünschen.

Afrika soll nicht zu kurz kommen unter der deutschen Präsidentschaft. Wenn sich am kommenden Freitag die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer in Hamburg treffen, dann geht es auch um Investitionen in Afrika, um eine neue Partnerschaft zwischen den G 20 und Staaten des Kontinents: den "Compact with Africa".

Der "Compact" steht auch bei dem Termin im Gasometer im Mittelpunkt. Es ist Mitte Juni, Deutschland hat zur "Africa Partnership Conference" eingeladen, einem der vielen Veranstaltungen im Vorfeld des G-20-Gipfels. Berlin will private Investments fördern, vor allem in die Infrastruktur Afrikas. Das Beispiel von Jadesimis Firma Ladol kommt da gerade recht: Nicht weit von Nigerias Megacity Lagos betreibt sie einen Hafen mit angeschlossener Freihandelszone. Vor allem die Ölindustrie nutzt ihn, aber jetzt investiert Jadesimi auch noch in eine Werft. "Erstmals können wir damit selbst Containerschiffe oder Bohrtürme in Nigeria herstellen", sagt sie. "Und das haben wir geschafft, obwohl wir nur ein kleines Unternehmen sind."

Ein Traum. Es ist auch der Traum von einem Afrika, das sich selbst aus der Not befreit; das endlich das nötige Kapital bekommt, um aktiv an der Globalisierung teilzuhaben. "Afrika ist der Chancenkontinent", sagt Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) gern. Das wollen auch die G 20 glauben - nicht erst seit gestern.

Im vorigen Jahr, im chinesischen Hangzhou, verabschiedete der Klub eine "G-20-Initiative zur Unterstützung der Industrialisierung in Afrika". Ein Jahr zuvor, in Antalya, fassten die Zwanzig einen "Aktionsplan für den Zugang zu Energie", Schwerpunkt: Afrika südlich der Sahara. In Brisbane, 2014, setzten sie einen eigenen "Infrastructure Hub" ein, eine Art Kapitalbörse für Großinvestitionen. Zu dem Zweck hatten sie schon vier Jahre zuvor, in Seoul, ein "hochrangiges Panel" eingesetzt, es sollte "mehr Hilfe für Infrastruktur-Investment mobilisieren". Die Liste lässt sich fortsetzen. Nur Ergebnisse finden sich selten. Viele der Pläne bleiben Papier mit schönen Worten.

Was kann schon schlecht daran sein, wenn sich die Mächtigen um die Armen kümmern?

Das macht ihre Einordnung so schwierig. Was kann schon schlecht daran sein, wenn sich die zwanzig Mächtigen (unter denen mit Südafrika nur ein afrikanisches Land ist) um die 54 ärmeren Länder des Kontinents kümmern? Schließlich sind auch unter den G 20 mehrere Staaten, die der Armut vor noch gar nicht so langer Zeit entronnen sind: die Türkei etwa, Indien, Indonesien, Südkorea oder selbst China. "Wir werden keine gute Entwicklung der Welt haben, wenn nicht alle Kontinente an einer solchen Entwicklung teilhaben", so sagt das die Bundeskanzlerin bei dem Treffen im Gasometer. Und: "Die Ergebnisse, die wir in den letzten Jahren erreicht haben, sind noch nicht ausreichend."

"Compact", das bedeutet auf Deutsch so viel wie: ein Vertrag, eine Übereinkunft. Die Bundesregierung will "Reformpartnerschaften" vereinbaren: Reiche Länder sollen ausgewählten Staaten Afrikas helfen, Investoren zu gewinnen. Die wiederum sollen Geld in Infrastruktur auf dem Kontinent stecken oder dort Unternehmen gründen. Das Ziel: mehr Arbeitsplätze für die rasch wachsende Bevölkerung. Afrikanische Regierungen sollen sich im Gegenzug zu Reformen verpflichten. "Wir fordern Standards ein", sagt Entwicklungsminister Müller, etwa bei Rechtssicherheit oder Bedingungen für Investoren. "Voraussetzung ist, dass die Afrikaner sich selbst auf den Weg machen." Ghana, die Elfenbeinküste und Tunesien sind die ersten Reformpartner Deutschlands, die Verträge darüber hat Müller Anfang Juni unterzeichnet. Geht es nach den Deutschen, kümmern sich andere G-20-Länder um andere afrikanische Staaten.

Entwicklungsfachleute sehen die neuen Partnerschaften kritisch. "Es ist ja schön, dass sich die G 20 mit Afrika beschäftigen", sagt etwa Bernd Bornhorst, Kopf des Entwicklungshelfer-Dachverbands Venro. "Aber was Deutschland da plant, sind wieder nur Nebelkerzen." Im Wesentlichen gehe es darum, Investoren in Afrika eine verlässliche Rendite zu verschaffen. "Mit Armutsbekämpfung hat das herzlich wenig zu tun", klagt Bornhorst.

Afrika braucht dringend gute Ingenieure und technisches Know-how

Zwar gebe es mittlerweile einen breiten Konsens darüber, dass Entwicklung massive Wirtschaftsförderung braucht, sagt der Mainzer Ökonom und Afrika-Experte Helmut Asche. Aber Hilfe und Investitionen, die an Reformen geknüpft sind? "Das ist eine schreckliche Wiederholung der Zeiten, in denen Geldgeber Strukturanpassungsprogramme verordneten", sagt Asche. Zumal es vor allem um Reformen geht, die den Investoren nutzen.

Investitionen könnten zwar die klassische Entwicklungsarbeit gut flankieren, urteilen Wissenschaftler des Hamburger Giga-Instituts. Das Konzept habe aber gravierende Lücken: Es lasse beispielsweise Investitionen in Bildung außer Acht. Dabei brauche Afrika dringend gute Ingenieure und technologisches Know-how. Und während die Initiative den Investorenschutz groß schreibe, kümmere sie sich kaum um soziale und ökologische Risiken der Investitionen. Die G 20, so fordern es die Giga-Wissenschaftler, sollten sich um fairen Handel mit Afrika bemühen, ihre Märkte öffnen.

Genau auf diesem Gebiet aber verhalten sich die Industrieländer derzeit eher kontraproduktiv. Längst haben sich in Afrika regionale Wirtschaftsverbünde gebildet, in denen die Mitgliedsländer - nach EU-Vorbild - ohne Zollschranken Handel treiben wollen, selbst gemeinsame Währungen sind im Gespräch. Doch ausgerechnet freundliche Einmischung aus Europa könnte das vereiteln.

Beispiel Ecowas, die Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikas. Die EU wollte mit ihr ein Handelsabkommen abschließen, eine "wirtschaftliche Partnerschaft". Doch als Nigeria, die größte Volkswirtschaft Westafrikas, mit dem Konzept noch haderte, preschte die EU vor und schloss "Interims-Abkommen" mit einigen Ländern, darunter die deutschen "Compact"-Partner Ghana und die Elfenbeinküste. So treibt Europa einen Keil in jenes Wirtschaftsbündnis, mit dem sich die Staaten selbst helfen wollten. "Wir sind dabei, diese Regionalgemeinschaften erfolgreich zu zerlegen", sagt Entwicklungs-Ökonom Asche.

Auch für Managerin Jadesimi ist dergleichen nicht neu. Mit ihrem Hafen hat sie schon öfters Konkurrenz von Wohlmeinenden bekommen, etwa aus Entwicklungsbanken. "Die kommen mit ihren Millionen und sagen der Regierung: Wir bauen euch ein schönes panafrikanisches Etwas", klagt sie. Und die privaten Investoren, die aus Afrika, geraten plötzlich unter Druck.