G-20-Gipfel "Da war alles andere wichtig als Spurensicherung"

Stimmten die Befürchtungen der Polizei? Wartete wirklich ein "bewaffneter Hinterhalt" auf sie, eine potenziell tödliche Falle? Zu den bemerkenswertesten Umständen zählt, dass bis jetzt unklar ist, was tatsächlich auf den Dächern des Schanzenviertels geschehen ist, welche Ausmaße die Bedrohung also wirklich hatte. Die Polizeiführung hat davon gesprochen, insgesamt 36 Personen hätten sich auf Dächern in luftiger Höhe verschanzt mit einer Munition aus eigens hinaufgeschleppten Gehwegplatten und Molotow-Cocktails. Einsatzleiter Dudde hat der Presse zum Beleg hierfür ein grobkörniges Wärmebild-Video vorgezeigt, das aus einem Polizeihubschrauber aufgenommen wurde und den mutmaßlichen Abwurf eines Molotow-Cocktails zeigen soll, der beim Aufprall auf den Boden nicht explodiert sei.

Inzwischen sind Zweifel aufgekommen, ob es sich dabei tatsächlich um einen Brandsatz handelte und nicht etwa um eine Bengalo-Fackel oder einen Böller. Ein Gruppenführer, der zu dieser Zeit mit seiner Einheit am Boden stand, erinnert sich nicht daran, dass ein Molotow-Cocktail herabgefallen, zersprungen, aber nicht in Flammen aufgegangen ist. Spuren hiervon seien am Boden nicht gesichert worden. Andererseits: "Da war alles andere wichtig als Spurensicherung."

Als schließlich gegen 23.30 Uhr das schwer bewaffnete Spezialeinsatzkommando (SEK) das Haus mit der Adresse Schulterblatt 1 erreichte und die fünf Stockwerke hinauf stürmte, brachen die Beamten Türen auf und warfen sogenannte "Irritationssprengkörper", wie sie sonst nur gegen Terroristen oder Entführer zum Einsatz kommen. Aber Spurensicherung? Dafür sahen sich die SEK-Leute nicht zuständig. Ebensowenig das Unterstützungskommando (USK), das schwer gepanzert unten auf der Straße stand und den Bereich absicherte.

Ganze Waschkörbe mit Einsatzberichten

In Hamburg wird zwar betont: Man habe den Polizisten beim Sturm des Hauses eine klare Anweisung erteilt. Man möge auf den Dächern alle Beweismittel sicherstellen. Aber bisher, so heißt es bei der Hamburger Polizei, habe man weder einen Bericht über die Sicherstellung entsprechender Gegenstände gefunden oder auch nur ein Bild, das die vermeintlichen Brandsätze oder Reste von Wurfgeschossen zeigt.

Dabei haben die Beamten vor der anstehenden Innenausschuss-Sitzung genau danach intensiv gesucht. Die Innenbehörde hat gleich mehrfach danach gefragt. Die Suche dauert noch an, es gebe ganze Waschkörbe mit Einsatzberichten heißt es bei der Polizei, es dauere einfach.

Nicht ausgeschlossen ist also, dass die entsprechenden Beweise noch auftauchen. Im Innenausschuss wollen die Beamten jedenfalls neues Bildmaterial aus ihren Hubschrauber-Kameras zeigen. Nicht ausgeschlossen ist aber auch, dass es Beweise für Molotowcocktails und andere gehortete Waffen nicht gibt und auf den Dächern der Schanze viel weniger Ausnahmezustand herrschte, als die Polizei annahm. Oder haben die Randalierer sie noch beiseite schaffen können? Nur wohin? Und so schnell?

Sollte sich die Polizei in ihrer Befürchtung eines "bewaffneten Hinterhalts" getäuscht haben, wäre dies allein noch keine Verfehlung. Die Lage war unübersichtlich, die Einsatzleiter haben sich für Vorsicht entschieden. Dass man hinterher klarer sieht, ist normal. Es würde aber ein anderes, ein deutlich weniger dramatisches Licht werfen auf die Gewalt aus den Reihen der Autonomen an jenem Abend. In der Hamburger Polizei heißt es, die Autonomen hätten eine "effektive Gegenaufklärung" betrieben, schnell hätte sich herumgesprochen, dass Spezialkommandos in die Schanze eingerückt seien - und dann habe man Beweise weggeschafft.

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