Rom:Darum geht es beim G-20-Gipfel

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Vor G20-Gipfel

Die Kongresshalle La Nuvola "Die Wolke" bereitet sich auf den G-20-Gipfel in Rom vor.

(Foto: Johannes Neudecker/dpa)

Klimaschutz, Pandemiebekämpfung und etwas mehr Steuergerechtigkeit für die Welt: Worüber die Anführer der größten Wirtschaftsnationen reden, wenn sie sich nun nach zwei Jahren erstmals wieder persönlich treffen - in der römischen "Nuvola", abgeschirmt von allem.

Von Oliver Meiler, Rom

So viel Hektik flimmerte schon lange nicht mehr über Rom, mindestens seit zwei Jahren nicht mehr. Die Fünf-Sterne-Hotels in der Stadt machen mal wieder Umsatz, die italienischen Spitzenköche werden herumgereicht, auch sie ganz erfreut. Es ist G-20-Gipfel, und obschon nicht alle Mächtigen der Welt persönlich angereist sind, ist es dennoch das erste richtig große Treffen von Staats- und Regierungschefs in Präsenz seit dem Ausbruch der Pandemie. Und sie alle sind mit stattlichen Delegationen angereist.

Viel zu reden gaben zunächst die Abwesenden: Chinas Staatschef Xi Jinping und der russische Präsident Wladimir Putin sind zu Hause geblieben, das schwächt die Runde in zentralen Punkten der Agenda. Aber Joe Biden ist in der Stadt. Für den US-Präsidenten haben sie das gesamte Viertel Parioli abgeriegelt, Laub weggewischt und alle falsch geparkten Autos in einem Umkreis von einigen Kilometern rund um die Residenz des amerikanischen Botschafters abgeschleppt.

Austragungsort EUR, ein überholtes Symbol des Faschismus

Alle hohen Gäste wohnen im alten Zentrum Roms, doch die Sitzungen des Gipfels finden etwas außerhalb statt: im EUR - so heißt ein modernistischer Stadtteil auf dem Weg zum Meer, erreichbar über die vielspurige Via Cristoforo Colombo. EUR ist das Akronym für Esposizione Universale di Roma. Die Weltexpo, für die das Viertel einst erbaut werden sollte, war für 1942 geplant gewesen und sollte im Kopf von Benito Mussolini seine eigene verschrobene Größe und die seines faschistischen Regimes feiern. Mit bombastischer Architektur, im Stil des italienischen Rationalismus, mit Anlehnungen an die Zeiten des antiken Roms.

Der Zweite Weltkrieg stoppte den Plan, doch kaum war der Krieg vorbei und der Faschismus besiegt, baute man es fertig. Es hat sich seitdem längst ins Stadtbild gefügt. Architekturstudenten von überall kommen vorbei, um den Palazzo dei Congressi, das Colosseo Quadrato und den Palazzo delle Fontane zu studieren und zu bestaunen.

Für die Washington Post ist es aber unerhört, dass die Italiener für den Schlusspunkt ihres turnusmäßigen G-20-Vorsitzes ausgerechnet dieses "Symbol des Faschismus" ausgewählt hätten. Auf einem Flachrelief sieht man Mussolini hoch zu Pferd. Die Washington Post findet, das gehe nicht, so wenig, wie gewisse Reiterstatuen in den USA statthaft waren, die dann von der Cancel Culture geschleift wurden.

Die Italiener haben gemeinhin ein sehr lockeres Verhältnis zum Vermächtnis ihres Diktators. In diesem Fall war die Ortswahl aber vor allem der Sicherheit geschuldet: Das EUR mit seinen geometrischen Linien ist viel leichter zu schützen, als es ein Austragungsort im verwinkelten Zentrum gewesen wäre. 10 000 Polizisten sind mobilisiert worden für den großen Anlass. Man will unbedingt verhindern, dass es zu Szenen wie vor 20 Jahren beim blutigen G-8-Gipfel in Genua kommen kann. Gegenkundgebungen wird es auch diesmal geben, doch sie werden weit weg von der Hochsicherheitszone stattfinden.

Der Gipfel selber tagt in "La Nuvola", einem neuen Kongressbau mit einer gewagten Konstruktion im Innern, einem vermeintlich frei schwebenden Auditorium in der Form einer Wolke, gezeichnet hatte es der berühmte Architekt Massimiliano Fuksas. Wenn man den Namen als Omen nehmen wollte: Auch die zwei wichtigsten Gipfelziele hängen noch in den Wolken, sie handeln vom Klimaschutz und der Pandemiebekämpfung.

Rampe für Glasgow - oder eher eine Hürde?

Vor COP26, der Klimakonferenz, die am Sonntagabend in Glasgow beginnen wird, sollen die Anführer der größten Wirtschaftsmächte, die zusammen für mehr als 80 Prozent der Treibhausgase verantwortlich sind, ein möglichst starkes Signal im Kampf gegen die Erderwärmung aussenden. Geht es nach den Organisatoren, soll Rom als Rampe für Glasgow dienen, oder als Beginn einer erfolgreichen Stafette. Dafür müsste man sich aber zum Beispiel auf ein klares zeitliches Bekenntnis zur Klimaneutralität einigen können. Den Europäern etwa wäre 2050 lieb; China aber, das für ein Viertel des globalen CO₂-Ausstoßes steht, denkt eher über 2060 nach.

Ein Kompromiss könnte die vage Formulierung "Mitte des Jahrhunderts" sein. Doch "vage" ist in diesem Zusammenhang nicht gut. Die Vereinten Nationen geben zu bedenken, dass beim jetzigen Tempo der Erderwärmung das Ziel einer Beschränkung auf 1,5 Grad bis Ende des Jahrhunderts unmöglich erreicht werden könne. Im Moment steuert die Welt auf plus 2,7 Grad zu. Unsicher ist auch, ob die reichsten Staaten einen Konsens dafür finden, den Entwicklungsländern jedes Jahr 100 Milliarden Euro zukommen zu lassen, damit sie sich den Umstieg auf klimafreundlichere Industrien leisten können.

Hehre Impfversprechen, aber stark im Verzug

Auch bei der multilateralen Bekämpfung der Pandemie ist man weit entfernt von den eigenen Ambitionen. Neulich, beim Weltgesundheitsgipfel, hatten die reichen Länder und die Pharmaindustrie versprochen, dass sie den ärmeren Ländern mit der Lieferung von fast zwei Milliarden Impfdosen helfen wollten. Damit, wie es jetzt nach dem Vorgipfel der Finanz- und Gesundheitsminister hieß, bis Mitte 2022 etwa 70 Prozent der Weltbevölkerung geimpft seien. Bisher wurden jedoch nur rund 17 Prozent der ausgemachten Dosen ausgeliefert. In Rom will man nun Strukturen beschließen, die der Welt in Zukunft beim Kampf gegen neue Pandemien helfen könnten. Es soll auch dafür gesorgt werden, dass Entwicklungsländer Impfstoffe vor Ort produzieren können. Doch noch sind das nur Pläne.

Und so könnte es sein, dass am Ende des römischen G-20-Gipfels nur ein Durchbruch erreicht werden kann, einer allerdings, der schon beschlossen und bekannt ist: 15 Prozent Mindeststeuer für Großunternehmen. Auch die führenden Firmen aus der Netzökonomie sollen endlich ihre gigantischen Gewinne versteuern müssen. Damit ein klein bisschen mehr Gerechtigkeit herrscht auf der Welt.

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