Russlands Außenminister beim G-20-Treffen:Austeilen und abtauchen

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Auf Bali giftet Sergej Lawrow gegen westliche Kollegen - und entzieht sich durch frühe Abreise ihrer Replik.

Von David Pfeifer, Bangkok

Es war ein kurzer Besuch, den Sergej Lawrow beim G-20-Treffen der Außenminister in Nusa Dua auf Bali absolvierte. Morgens schritt er noch energisch von einem gepanzerten Mercedes ins Tagungshotel, wo er von Indonesiens Außenministerin Retno Marsudi reserviert, aber freundlich begrüßt wurde. Mittags verabschiedete er sich bereits wieder. Vor Lawrow und Marsudi, die um ihre Aufgabe an diesem Freitag nicht zu beneiden war, standen Reihen von Journalisten, von denen zwei deutsche dem russischen Außenminister auf englisch zuriefen, "Wann beenden Sie diesen Krieg?" und "Warum beenden Sie den Krieg nicht?" Als wäre es allein seine Entscheidung.

Im Tagungssaal im Hotel "Mulia" nahm Lawrow dann zwischen den Kollegen aus Saudi-Arabien und Mexiko Platz, und hörte sich die ersten Reden an. Nusa Dua ist eine beschützte Siedlung, wer hineinwill, muss an diversen Sicherheitschecks vorbei. Wie aus Delegationskreisen zu hören war, konnte man die Anspannung auch außerhalb des Saals spüren. Neben den großen Tagungsräumen stehen auch kleinere Räume bereit, in denen sich die einzelnen Arbeitsgruppen zusammensetzen - oder die Minister zu direkten Absprachen. Doch US-Außenminister Tony Blinken hatte ebenso wie seine deutschen Amtskollegin Annalena Baerbock klargemacht, dass er zu solchen Gesprächen mit Lawrow nicht bereit wäre, solange Russland seinen Krieg fortsetze.

Baerbock hatte noch in der Nacht, direkt nach ihrer Landung nach 18 Stunden Flug, ein Statement für die mitgereisten Journalisten parat: "Es ist wichtig, dass Russland hier nicht die Bühne überlassen wird." Und weiter: "Wenn ein Staat die internationale Ordnung und damit auch die Staaten, die auch hier am Tisch sitzen, angreift, können wir nicht einfach zum netten Socialising, zum netten Abendessen übergehen." Einige Offizielle wollten keine Handshake-Fotos und lehnten Treffen ab. Andere, darunter Gastgeber Indonesien, wollten sich hingegen mit Lawrow zusammensetzen.

Lawrow vermeidet es, sich die Rede von Baerbock anzuhören

Delegationskreisen zufolge verließ Lawrow direkt nach seiner Rede den Sitzungssaal. Er entzog sich damit in erster Linie der Replik von Baerbock, als amtierende Vorsitzende der G-7-Gruppe stand sie als nächste Rednerin auf der Liste. Lawrow wies in seiner Rede auf die "wilde" Kritik des Westens am Krieg in der Ukraine hin, und schimpfte über Russlands Gegner, die eine Chance vertun würden: "Während der Diskussion haben es die westlichen Partner vermieden, das Mandat der G 20 zu befolgen und sich mit Fragen der Weltwirtschaft zu befassen", sagte Lawrow. Die Diskussion des Westens sei "fast sofort, sobald sie das Wort ergriffen hatten, zu der heftigen Kritik an der Russischen Föderation im Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine übergegangen. 'Aggressoren', 'Invasoren', 'Besatzer' - wir haben heute viel gehört", so Lawrow.

Über all dieser Aufregung hing auch die Meldung, dass der frühere japanische Premierminister Shinzo Abe bei einer Wahlkampfveranstaltung niedergeschossen wurde, was Tony Blinken vor allen anderen Statements zu einer kurzen Rede der Anteilnahme veranlasste.

Die Emotionen stiegen allerdings nicht bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern so hoch. Nachdem Lawrow sich der Diskussion im Saal entzogen hatte, twitterte Indiens Außenminister Jaishankar ein Foto, das ihn selbst an der Seite des russischen Kollegen zeigt, wie sie über den polierten Steinboden schreiten, dazu die Bemerkung, man habe über Themen "von gemeinsamem Interesse gesprochen. Außerdem Ansichten über regionale und internationale Themen ausgetauscht. Inklusive Ukraine-Konflikt und Afghanistan."

Indien und andere G-20-Mitgliedsländer sind schwer von der Hungerkrise betroffen, die der Krieg verschärft hat. Indien gab am Freitag bekannt, dass weitere Weizenprodukte von einem Exportverbot betroffen seien, mit denen man am bisherigen Bann vorbei handeln konnte. Dass Lawrow nun abgereist ist, ohne sich Baerbocks Rede anzuhören, kann man als ihren Sieg werten, weil die deutsche Außenministerin ihm nicht die Bühne überlassen hat. Oder aber als Lawrows Triumph, denn er ist seine Statements ja losgeworden - ohne sich ihre Replik anzuhören.

Baerbock sagte anschließend, gerade bei der wichtigen Frage, wie die weltweite Ernährungskrise bewältigt werden könne, sei Lawrow nicht anwesend gewesen. "Daher gilt umso mehr, dass wir als führende Industriestaaten der G7 jetzt gemeinsam die Staaten des globalen Südens unterstützen, dass wir dafür sorgen, dass die Menschen, die ohnehin schon leiden, nicht in eine viel, viel tiefere Hungersnot hineinrutschen." Am Abend reiste Baerbock weiter in den Inselstaat Palau im Südpazifik.

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Der russische Außenminister Sergej Lawrow

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