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G-20-Gipfel:Hamburg zittert vor dem Härtetest

  • Der heutige Donnerstag gilt sicherheitstechnisch als der heikelste Tag rund um den G-20-Gipfel.
  • Zur "Welcome to Hell"-Demo werden unter anderem 8000 gewaltbereite Linksautonome aus ganz Europa erwartet; die Veranstalter sprechen von "einem der größten Schwarzen Blocks aller Zeiten".
  • Wie friedlicher, bunter Protest aussehen kann, zeigen die Hamburger G-20-Gegner am Mittwoch - und sie erringen einen Erfolg vor Gericht.

Von Dominik Fürst und Matthias Kolb, Hamburg

Womöglich hat allein der Name viele Menschen angezogen. Die "hedonistische Nachttanzdemo" ist die Besonderheit unter den Dutzenden großen und kleinen Aktionen rund um den G-20-Gipfel in Hamburg - und entwickelt sich zum bisher buntesten, größten und lautesten Protest. Die Slogans sind an Klarheit kaum zu überbieten: Sie lauten "Alles allen und zwar umsonst" und "Lieber tanz' ich als G20". Zwischen 11 000 (Polizei) und bis zu 20 000 Menschen (Veranstalter) beteiligen sich am Nacht-Rave.

Die Lautstärke ist entsprechend, aber vier Stunden geht es bunt, kreativ und friedlich zu, von den Landungsbrücken über die Reeperbahn bis ins Hamburger Zentrum. "Mehr Unfug" ist auf einem goldglitzernden Plakat zu lesen, viele der 15 Wagen sind mit Diskokugeln verziert, Konfetti fliegt durch die Luft und die Themen sind die üblichen. Für mehr Umwelt- und Klimaschutz - und gegen die Macho-Politiker Donald Trump und Recep Tayyip Erdoğan.

Die Teilnehmer sind überwiegend jung, es wird Bier getrunken und manche Wagen verkaufen Longdrinks. Der Kapitalismus kommt nicht gut weg, entsprechende Plakate an Hauswänden wie "Für die Reichen über Leichen" werden sofort mit Smartphones festgehalten. Doch konkret oder konstruktiv ist die Kritik nicht. Wer das Treffen der 20 mächtigsten Politiker der Industrie- und Schwellenländer (inklusive der Beeinträchtigungen des Alltags) skeptisch sieht und das kurz vor der Ankunft von Trump, Putin und Co. zeigen will, für den ist dies der beste Termin - wenn man nicht in die Nähe von Wasserwerfern oder Tränengas kommen will. Die Polizei wirkt entspannt, zu Eskalationen kommt es nicht.

Die Route des Nacht-Raves führt auch durch das Schanzenviertel und vorbei an der Roten Flora, dem Zentrum von Hamburgs linskautonomer Szene. Davor wird noch lauter gejubelt und aus dem seit 1989 besetzten Haus fliegen minutenlang Feuerwerkskörper in den Himmel. Viele der deutlich radikaleren Aktionen, auf die Plakate bei der Nachttanzdemo hinweisen, werden in der Flora geplant: etwa der für Freitag geplante Streik, der den Hafen lahmlegen soll ("Shut Down the Logistics of Capitalism") und auch die berüchtigte "G20 Welcome to Hell"-Demo, die an diesem Donnerstagabend stattfindet.

Der 6. Juli gilt sicherheitstechnisch seit Wochen als der heikelste Tag rund um den G-20-Gipfel. Dann ist das Versammlungsverbot in einer 38 Quadratkilometer großen Zone noch nicht in Kraft. Etwa 8000 Linksautonome aus ganz Europa reisen laut Polizei zu den Protesten nach Hamburg und die meisten von ihnen dürften sich gegen 16 Uhr zur Auftaktkundgebung am Altonaer Fischmarkt einfinden.

Der Kapitalismus, das ist in den Augen von Teilnehmern und Organisatoren die Hölle und ein System globaler Ausbeutung. Dem Motto soll am Donnerstag alle Ehre gemacht werden und so wollen die Organisatoren den größten Schwarzen Block zusammenbringen, den Europa je gesehen hat. "Das Beste wäre der vorzeitige Gipfelabbruch", sagte Demo-Initiator Andreas Beuth der Zeit.

Was die Leute aus der Roten Flora über den Einsatz von Gewalt sagen

Es ist schwer einzuschätzen, wie bedrohlich die Sicherheitslage ist. Die Polizei hat Anfang der Woche bei Linksextremisten in Hamburg und Rostock mit brennbarer Flüssigkeit gefüllte Feuerlöscher, Stahlkugeln, Baseballschläger, Schlagstöcke und Böller mit großer Sprengkraft sichergestellt. Er sei in ehrlicher Sorge, sagte Hamburgs Polizeipräsident Ralf Martin Meyer, es seien "massive Angriffe" und "schwerste Straftaten" zu erwarten. Wenn die Linksautonomen auf das Thema Gewalt angesprochen werden, heißt es stets, dass niemand eine Auseinandersetzung mit der Polizei suche. Doch "wenn wir angegriffen werden, dann wehren wir uns und wissen uns zu verteidigen".

Abgesehen von einigen Flaschen, die am Ende des Nacht-Raves auf Polizisten geworfen werden, wirkt Hamburg am Mittwoch friedlicher als tags zuvor. Im großen Protestcamp der G-20-Gegner, das wirklich gut versteckt und weit weg vom Stadtzentrum im Altonaer Volkspark liegt, sitzen die jungen Menschen mittags beisammen, reden, essen oder werfen Bälle hin und her. Polizisten schauen gelangweilt vom Rand zu. Sie sehen Pavillons und Baustellenklos, kleine Schlafzelte, eine Palästina-Flagge, eine Skaterbahn, zwei Fußballfelder und, groß und fett zwischen den Pfosten eines Stahltors aufgespannt, ein Banner mit der Aufschrift: "Fuck Cops".

G-20-Camper erringen erneut Erfolg vor Gericht

Das Protestcamp in Altona ist für die Gipfelgegner ein trauriger Kompromiss. Das ursprünglich geplante Campen im Stadtpark hat ihnen die Stadt untersagt, und das zweite, viel kleinere Protestcamp auf der Elbhalbinsel Entenwerder haben sie frustriert geräumt, nachdem die Polizei sie dort immer wieder am Übernachten gehindert hat. In der x-ten juristischen Wende erlaubt das Oberverwaltungsgericht den G-20-Gegnern am Mittwoch schließlich je 300 Schlafzelte an beiden Orten - da sind die Camper aus Entenwerder aber längst abgerückt.

Im Altonaer Volkspark dürfen die Protestierenden in der vergangenen Nacht indes endlich ungestört schlafen. In der Nacht zu Mittwoch hatten Polizisten noch die Zelte kontrolliert und jeden Schlafenden aufgeweckt. Sie fürchteten, dass linksextreme Gewalttäter den Rückzugsort nutzen könnten, um Pläne für Gewaltaktionen zu schmieden. Manchen Camper überzeugte diese Argumentation nicht. "Ich glaube, es ist eine gezielte Provokation", sagt der 26-jährige Anselm, der aus München angereist ist. Er glaubt: "Sie versuchen, den Protest zu schwächen und die Leute zu verunsichern, die noch nach Hamburg kommen wollen."

Ansonsten wirkt die Ruhe im Volkspark beinahe einschläfernd. Am Nachmittag macht eine junge Frau auf der Wiese die Runde, "Aktionstraining in zehn Minuten am Bolzplatz", ruft sie mehrmals und für jeden deutlich hörbar in ein Megafon. Die Camper sollen lernen, wie sie sich in Protest-Situationen gegenüber der Polizei zu verhalten haben, etwa wenn ein Sitzstreik aufgelöst wird. Doch selbst nach zwanzig Minuten bewegt sich keiner zum Bolzplatz. Das Aktionstraining wird vertagt.

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