G-20-Gipfel:Die Welt braucht Spielregeln - aber wer wird sie schreiben?

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Als das Buch "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" auf Russisch erschien, schrieb Karl Popper, der Autor und Staatsphilosoph, den Lesern einen Brief. Darin beschäftigte er sich mit "einer der wichtigsten Grundlagen" einer offenen Gesellschaft: "dem Rechtsstaat, dem sich alle fügen". Popper schrieb, es handele sich um "das Allerwichtigste, was meine Leser in den neuen Demokratien überdenken sollten". Heute finden sich diese neuen Demokratien in einer globalisierten Welt wieder, deren Probleme auch die Probleme jedes Bürgers geworden sind. Aber weder gibt es ein Rechtssystem noch eine Ordnung, mit deren Hilfe sie zu lösen wären.

Zwei gegensätzliche Techniken gibt es, um diesem Ordnungsmanko Herr zu werden. Die eine pflegt Angela Merkel, sie orientiert sich am Modell eines Bienenvolkes. Fleißig wird zusammengetragen, manches geht verloren, hier und da wird auch abgegeben - aber am Ende fließt der Honig. Glamourös ist der Prozess nicht, eher mühsam und verwirrend. Technik Nummer zwei nennen die Amerikaner transactional, weil sie nun einen Geschäftsmann im Weißen Haus sitzen haben, der den Deal liebt. Es geht um den schnellen Vorteil, Prinzipienarmut, Selbstbezogenheit, taktische Schläue. Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan arbeiten nicht unähnlich. Die Chinesen verbinden geschickt beide Systeme - sie ordnen sich einerseits dem Regelsystem unter, brechen dann aber Verabredungen. Hamburg wird Zeichen setzen, nach welchen Regeln die Welt spielen will. Merkel, die nach Trumps Wahl zur Führerin der freien Welt stilisiert wurde, kann diese Rolle nicht erfüllen. Das ist nicht Deutschlands Liga. Also muss es um Immunisierung gehen, um Widerstandskraft gegen die Gegner der Freiheit, zu denen auch die Regelbrecher auf der Straße gehören. Zu den zynischen Folgeerscheinungen der globalen Polarisierung scheint es zu gehören, dass auch die Gewaltbereitschaft steigt. Das ist nicht zu entschulden, besonders nicht in Hamburg. Nicht die Polizisten sind es, die Autos anstecken und Menschen beschießen. Wer sein Demonstrationsrecht derart missbraucht und gewalttätig wird, der zerstört die offene Gesellschaft. Die bessere Welt, für die da protestiert wird, entsteht so jedenfalls nicht. Alle großen Themen des Gipfels - Klima, Weltwirtschaft, Terror, Afrika - werden zum Spielfeld für die alles überlagernde Auseinandersetzung um die neue Ordnung. Die Krisenherde des Planeten, Syrien, Nordkorea, die Migrations-Tragödien, die Ukraine - sie sind weitgehend festgezurrt im Interessenknäuel der Akteure. Gipfel wie der in Hamburg können ein wenig das Eis brechen, in Syrien etwa deutet sich eine russisch-amerikanische Annäherung an. Dennoch bleiben die Prozesse mühsam und widersprüchlich. Falsch ist der Eindruck, man müsse sich lediglich zusammensetzen und Vernunft walten lassen. Am Ende bieten diese Gipfel einen klaren Blick auf Machtverhältnisse und Gestaltungsoptionen. Wer mehr erwartet, überfordert die Politik und wird an seinem Idealismus verzweifeln.

Als Merkel die Europäer unlängst dazu aufrief, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, hatte sie die unversöhnliche Konfrontation zwischen der offenen Weltgesellschaft und den populistischen Nationalisten im Blick. Zwischen den Lagern wird sich das Schicksal der vernetzten Welt entscheiden. Hamburg zeigt: Die Globalisierung ist an einem Scheitelpunkt angelangt. Das Signet des G-20-Gipfels scheint nicht zufällig gewählt zu sein: ein Kreuzknoten, zwei ineinander verschlungene Taue, die eine feste Verbindung bilden. Aber eben auch einen Knoten.

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