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G-20-Gipfel:Ablauf einer vermeidbaren Eskalation

G20-Gipfel: Proteste und Ausschreitungen 2017 in Hamburg

Vermummte hatten im Schanzenviertel Barrikaden angezündet.

(Foto: dpa)

Schon vor dem G-20-Gipfel war klar, dass es in Hamburg zu schwerer Gewalt kommt. Warum ist der Polizei trotzdem die Kontrolle entglitten?

Am Freitag der vergangenen Woche protestiert Tobias M. aus dem Harz gegen den Gipfel der G-20-Staaten in Hamburg. Er steht auf einem Baugerüst, von dort und vom Dach aus greifen circa 30 Vermummte die Polizei unten auf der Straße an, mit Zwillen und Wurfgeschossen; ferner sind sie mit Molotowcocktails und Eisenstangen bewaffnet.

Die Polizei traut sich wegen der Gefahr, erschlagen oder angezündet zu werden, kaum noch in die Straße, bis sie beschließt, das Gebäude zu stürmen. Zum Team gehören Beamte mit Codenamen wie "Krone", "Cobra", "Falke". Das Haus wird alsbald, so steht es im Einsatzbericht, "mit polizeilichen Maßnahmen überzogen". Die Beamten brechen Türen auf, dringen auf das Dach vor, nehmen 13 Personen fest. Neun von ihnen sind Deutsche, vier sind Russen.

Auch Tobias M. wird festgenommen. Bei Gericht behauptet er später, er sei auf das Gerüst geklettert, um sich "besser geografisch orientieren zu können". Das Gericht glaubt, M. habe die Polizei attackiert.

Am Wochenende wirkte die Öffentlichkeit erstaunt über die Bilder der Gewalt und der Verwüstung aus Hamburg, Und doch hätte man es ahnen können. Diese Ahnung musste jeden beschleichen, der sich an frühere Exzesse erinnert, den G-8-Gipfel 2001 in Genua, wo die Polizei einen Demonstranten erschoss, an den G-20-Gipfel 2010 in Toronto, der mit kaputten Fenstern und brennenden Autos endete. Eine der Lehren war, dass es riskant ist, solche Gipfel in Großstädten abzuhalten.

Behörden ordneten Schanze als "Betätigungsfeld von Linksextremisten" ein

Die deutschen Sicherheitsbehörden hatten eine klare Vorstellung davon, was Hamburg bevorstand. "Aufgrund des urbanen Umfelds und der starken linksextremistischen Szene wird Hamburg die geeignete Bühne für Ausschreitungen gewalttätiger Linksextremisten aus dem In- und Ausland sein", warnen Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt im Frühjahr 2017.

Zwar seien Proteste gegen G 20 weniger militant als gegen G 7/G 8, doch sei das Besondere hier eben die Nähe des Gipfels zum links geprägten Schanzenviertel. "Dieses Viertel ist Betätigungsfeld und Aufenthaltsort von Linksextremisten / Autonomen, die bundes- und europaweit gut vernetzt sind und in dem G-20-Gipfel eine einmalige Gelegenheit sehen, verloren gegangene Reputation innerhalb ihres politischen Spektrums zurückzuerlangen."

Warum wird der Gipfel dennoch in Hamburg abgehalten?

Warum entgleitet der Polizei zeitweise die Kontrolle, obwohl sie sich anderthalb Jahre vorbereitet hat? Warum nimmt die Demo "Welcome To Hell" bei alledem eine zentrale Rolle ein? Und warum ist es so schwierig, den "Schwarzen Block" zu bändigen?

Die Süddeutsche Zeitung und der NDR haben das chaotische Wochenende rekonstruiert. Ein überraschend klares Urteil fällt der Jura-Professor Hans Alberts, der einst an der Polizeischule unterrichtete und der den heutigen Einsatzleiter der Polizei, Hartmut Dudde, ausgebildet hat.

Lesen Sie die Rekonstruktion des Wochenendes - mit SZ Plus:
G-20-Gipfel Dann kracht's

Seite Drei zum Ablauf der G-20-Eskalation

Dann kracht's

Interne Papiere aus Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt belegen: Schon vor dem G-20-Gipfel war klar, dass es in Hamburg zu schwerer Gewalt kommt. Der genaue Ablauf einer vermeidbaren Eskalation.   Von Peter Burghardt, Thomas Hahn, Georg Mascolo, Nicolas Richter und Ronen Steinke