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Fußball:England fordert WM-Boykott

Der britische Verband appelliert an Deutschland und andere Nationen, 2018 nicht in Russland zu spielen. Für den DFB ist das eine "schlechte Waffe".

Englische Fußballfunktionäre forcieren die Pläne für einen Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Mit der Hilfe mehrerer großer Fußballnationen wollen sie Sepp Blatter, den Präsidenten des Weltverbandes Fifa, aus dem Amt treiben. "Wir werden das Turnier aber nicht allein boykottieren", sagte der englische Verbands-Chef Greg Dyke der BBC. Nach Dykes Einschätzung braucht es "mindestens zehn Nationalverbände für einen WM-Boykott, sonst macht es keinen Sinn." Zudem bekräftigte Dyke, dass sich England auch nicht mehr um die Organisation einer Fußball-WM bewerben werde, solange Blatter im Amt ist.

Während einzelne Spitzenfunktionäre in den Niederlanden Boykott-Bereitschaft anklingen lassen, schließen deutsche Fußballvertreter dies rigoros aus. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sagte der ARD: "Das ist eine schlechte Waffe, das kann kein Mittel sein." Liga-Präsident Reinhard Rauball hält "einen WM-Boykott europäischer Mannschaften für nicht diskutabel".

Die Vertreter aller 53 in der Europäischen Fußball-Union (Uefa) vereinigten Nationalverbände treffen sich von Freitag an vor dem Endspiel der Champions-League in Berlin. Sie wollen ihre künftige Position zur Fifa festlegen. Am Freitag war Blatter zum fünften Mal ins Spitzenamt gewählt worden; gegen den Widerstand von Uefa-Präsident Michel Platini, Niersbach und anderen Vertretern Europas. Blatter gilt als politisch Hauptverantwortlicher für die Probleme der Fifa, gegen deren Funktionäre zahlreiche Korruptionsermittlungen laufen. Der 79-jährige führt den Weltverband seit 1998 als Präsident. Vergangene Woche ließ die US-Bundespolizei FBI in Zürich sieben Funktionäre, darunter zwei Fifa-Vizepräsidenten, festnehmen.

Uefa-Präsident Platini hatte in Zürich angekündigt, beim Berliner Meeting werde "jede Option" auf dem Verhandlungstisch liegen. Auch die von Dyke erhobene Boykottfrage: Ob die Uefa ihre Nationalteams aus allen Fifa-Wettbewerben zurückzieht, inklusive der WM. Eine Option sei auch der Rückzug aller europäischen Vertreter aus dem Fifa-Vorstand. Der Brite David Gill trat sein Amt wegen der Wiederwahl Blatters gar nicht an. Am Montag bestätigte ein Uefa-Sprecher der SZ: "Alle Optionen sind weiter auf dem Tisch."

Derweil regte der Direktor des niederländischen Fußballverbands KNVB, Bert van Oostveen, im Fernsehsender NOS die Gründung eines neuen Dachverbands an. Insbesondere große Fußballnationen müssten an einem Neustart ohne Blatters Fifa interessiert sein - darunter die USA, Kanada und Australien, zudem die großen Föderationen in Asien und Südamerika.

Allerdings ist das Meinungsbild in Europa zu Blatter nicht einheitlich. Frankreich soll für ihn gestimmt haben, Italiens Verbandchef Carlo Tavecchio korrigierte Presseberichte, dass er gegen Blatter votiert habe. Rom bewirbt sich derzeit um die Sommerspiele 2024. Und Blatter ist auch Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees. Der englische Abgeordnete Damian Collins unterstützt die Boykott-Idee: "Ich werde das Thema mit meinen Kollegen im deutschen und im europäischen Parlament vorantreiben."