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Fußball:Diegos Evangelisten

Die Hand Gottes: Diego Armando Maradona (Argentinien) schreibt mit seinem eigentlich irregulären Treffer gegen Torwart

Mit der Faust ins Tor: Mit seinem irregulären 1:0 gegen Englands Torwart Peter Shilton schreibt Diego Armando Maradona Geschichte. Der Verweis auf göttliches Eingreifen aber stammt wohl nicht von ihm.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Wie Diego Maradonas berühmt gewordenes Wort von der "Hand Gottes" in der Welt landete - obwohl er es offenbar selbst nie gesagt hat.

Von Javier Cáceres

Der dritte Tag nach dem Tode Diego Maradonas ist schon lang vorbei, und entgegen mancher Hoffnung (oder Befürchtung, je nachdem) ist er nicht auferstanden. Er lebt, wie man so sagt, nur fort: durch sein Werk, Videos, Filme, Fotos - und vor allem durch das Wort. Maradona, der am 25. November 60-jährig verstarb, war nicht nur ein gigantischer Fußballer, sondern auch ein begnadeter Aphorismen-Schöpfer. Der vielleicht berühmteste Spruch Maradonas aber, der von "der Hand Gottes" bei der Weltmeisterschaft 1986 handelt, er stammt wohl nicht von ihm. So sagt es Juan Presta, als er in der Nacht zum Sonntag in Argentinien ans Telefon geht. Und man darf ihm unterstellen, dass er es weiß. Der vor drei Monaten pensionierte Journalist war 1986 der Ghostwriter, der für die Tiempo Argentino Maradonas Kolumnen verfasste. Wenn man so will: der Evangelist des gottähnlich verehrten Maradona.

Das Wort von der "Hand Gottes" landete nach Argentiniens berühmtem Viertelfinalspiel gegen England in der Welt. Zum 2:0 traf Maradona nach einem grandiosen Solo über den halben Platz; das 1:0 aber, es war illegal. Nach einer missglückten Abwehraktion hing der Ball in der Luft, Englands Torwart Peter Shilton stürzte heraus, wollte den Ball wegboxen, Maradona aber kam ihm zu vor - und stupste den Ball mit der linken Faust ins Tor. Der Schiedsrichter entschied: Tor! Danach sagte Maradona, das Tor sei "mit dem Kopf Maradonas und der Hand Gottes" erzielt worden. Oder eben doch nicht.

"Nach dem Spiel standen wir Journalisten um ihn herum", erzählt Presta, "Diego waren die Fragen unangenehm, und er wollte den Schiedsrichter nicht hinhängen: 'Keine Ahnung, womit ich den Ball getroffen habe', sagte er in allen Variationen. Bis ihm Néstor Ferrero von der Nachrichtenagentur Ansa ins Wort fiel: 'Dann war's wohl die Hand Gottes ...?!' Diego sagte: 'So war's wohl.'" Und die Journalisten hatten eine Schlagzeile im Block: "Maradona: 'Es war mit der Hand Gottes'".

Der genaue Gesprächsverlauf lässt sich nicht rekonstruieren, es gibt keine Aufzeichnungen. Ferrero selbst wurde im Jahr 2014, damals 78, von Andrés Burgo kontaktiert, für "El partido", ein formidables, monothematisches Buch über "Das Spiel" schlechthin: Argentinien-England 2:1. "Ich will nicht, dass es so aussieht, als würde ich etwas für mich reklamieren, was mir nicht gehört. Aber wenn Presta es sagt, wird es stimmen", sagte Ferrero.

Anderntags waren es vor allem mexikanische Medien, die Maradonas (vermeintliches) Zitat groß brachten. In Argentinien tauchte es laut Burgo nur bei der Zeitung Crónica auf. Um die Welt ging Diegos "Hand Gottes" erst später. So war das damals ohne Internet: langsamer.

Presta selbst kann eine andere Geschichte von der Macht der Worte Diegos erzählen. Eines Tags hatte er bei der WM 1986 kein Material mehr, um die Kolumne Maradonas vollzuschreiben. Ein TV-Reporter aber hatte Maradona gesehen und warf ihm ein paar Satzfetzen aus der Erinnerung zu: "Er bittet die Argentinier, für ihn zu beten." Presta übernahm es ungeprüft; die Zeit lief davon: "Betet für mich". - "Anderntags waren die Kirchen in Argentinien voll." Wie an diesem Sonntag, dem ersten ohne Maradona seit dessen Geburtsjahr 1960.

© SZ vom 30.11.2020
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