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Fund vor der Küste:"Die Russen hätten ihr U-Boot heute besser getarnt"

Vor der schwedischen Küste entdecken Taucher ein fremdes U-Boot, das wohl im Ersten Weltkrieg sank. Ein Experte erklärt, warum das Wrack für Aufregung sorgt.

Taucher haben vor der schwedischen Küste ein mutmaßlich russisches U-Boot entdeckt. Die Armee prüft derzeit die Bilder des Wracks. Das Boot sank wohl während des Ersten Weltkriegs. Seit Jahrzehnten sorgen Berichte über fremde U-Boote in Schweden für Aufregung in der Bevölkerung. Der Historiker und Forschungskoordinator des Marinemuseums Karlskrona, Andreas Linderoth (43), erklärt das Politikum.

SZ: Herr Linderoth, was bedeutet der Fund für die Jahrzehnte alte Debatte um russische U-Boote in schwedischen Gewässern?

Andreas Linderoth: Solche Nachrichten finden in der schwedischen Presse immer großen Anklang, selbst wenn die Sichtungen nicht bewiesen werden. Über diesen Fund wird die Bevölkerung noch lange diskutieren, weil sie alte Bedenken schüren.

Das Wrack soll 20 Meter lang und 3,5 Meter breit sein. Auf dem Rumpf sind kyrillische Schriftzeichen zu sehen. Handelt es sich um ein U-Boot aus dem Ersten Weltkrieg?

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Wenn die Meldungen stimmen, gehe ich davon aus, dass es sich um das im Mai 1916 gesunkene russische U-Boot Som handelt. Es soll damals bei schlechter Sicht mit einem schwedischen Frachter kollidiert und gesunken sein.

Im vergangenen Jahr gab es eine Reihe von Hinweisen auf ein U-Boot in der Ostsee, die schwedische Marine suchte intensiv, aber letztlich erfolglos nach dem mysteriösen Unterwasserobjekt. Könnte es dieses U-Boot sein?

Diese Wahrscheinlichkeit halte ich für äußerst gering. Warum sollte ein modernes russisches U-Boot, das nicht entdeckt werden will, kyrillische Schriftzeichen verwenden? Das wäre nicht sehr intelligent. Die Russen hätten ihr U-Boot heute viel besser getarnt.

Seit dem Kalten Krieg werden immer wieder russische U-Boote entlang der Schwedischen Küste gesichtet. Wie viele Meldungen gelten heute als gesichert?

Dass tatsächlich ein sowjetisches U-Boot in schwedische Hoheitsgewässer eingedrungen ist, wurde nur ein einziges Mal bewiesen. Es war die Strandung der S-363 - in Schweden auch U-137 genannt. Im Oktober 1981 lief das U-Boot in der Nähe des Marinestützpunktes Karlskrona auf Grund. Der Vorfall ist heute besser bekannt als "Whiskey on the rocks".

Ist der aktuelle Fund damit zu vergleichen?

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Nein, weil die sicherheitspolitische Lage heute eine ganz andere ist. Das war während des Kalten Krieges der Beweis für ein sowjetisches U-Boot in der Nähe der wichtigsten schwedischen Marinebasis in Karlskrona. Ein gesunkenes U-Boot aus dem Ersten Weltkrieg hat sicher nicht die gleiche Bedeutung. Wenn es sich aber der Wahrscheinlichkeit zum Trotz als ein modernes russisches U-Boot entpuppt, birgt der Fund viel Zündstoff. Dann wüssten wir, dass die Russen auch heute noch in schwedischen Gewässern unterwegs sind.

Warum ist es so schwierig, die Anwesenheit von ausländischen U-Booten zu beweisen?

Die schwedische Ostküste ist ideal, um unentdeckt zu bleiben. Die Reichweite der Sonare ist hier nur gering. Außerdem können sich die U-Boote im oft trüben Wasser in verschiedenen Tiefen verstecken. Das erschwert die Suche enorm. Untersuchungen der Regierung haben gezeigt, dass in den vergangenen 50 Jahren mindestens drei weitere unbekannte U-Boote in schwedische Gewässer eingedrungen sind. Woher sie stammten, kann allerdings niemand mit Sicherheit sagen.

Welches Interesse könnte Russland Ihrer Meinung nach an der schwedischen Küste haben?

Darüber spekuliert die gesamte schwedische Bevölkerung. Es könnte eine Machtdemonstration sein: "Seht her, wir können Schweden angreifen, wenn wir wollen." Andere glauben, dass die Russen Trainingsfahrten durchführen, weil sich die Ostsee dafür eignet. Es gibt auch die Theorie, dass es nicht russische Boote sind, die gesichtet werden, sondern U-Boote der Nato.

Die permanente Berichterstattung über russische U-Boote trägt sicher zu den Meldungen bei.

So war es jedenfalls in den achtziger und neunziger Jahren. Damals erhielt die schwedische Marine tausende Hinweise aus der Bevölkerung. Die Zahl der Meldungen könnte jetzt wieder deutlich zunehmen.