Süddeutsche Zeitung

Fünf Jahre Abu Ghraib:Chronologie des Folterskandals

Von den ersten Bildern, dem weltweiten Entsetzen und der - bis heute andauernden - Suche nach dem Schuldigen: Der Folterskandal von Abu Ghraib.

Vorbereitung: Von 9/11 bis Guantanamo

Oktober 2001: Nach den Terroranschlägen des 11. September beginnen die USA den Krieg in Afghanistan.

Nur wenige Tage danach erklärt Vizepräsident Dick Cheney einem Fernsehreporter, dass Einschränkunge für Geheimdienste und Militär abgeschafft werden sollen.

Februar 2002: Für Häftlinge, die als Taliban oder Al-Qaida-Mitglieder verdächtigt werden, eröffnen die USA das scharf abgeschirmte Lager Guantanamo. Von Anfang an kritisieren Menschenrechtsorganisationen, dass die Gefangenen dort ohne Anklage und Rechtsbeistand festgehalten werden.

August 2002: Es kursiert ein Papier, in dem Bush das Recht verteidigt, sich in Krisenzeiten über das Folterverbot hinwegzusetzen.

Dezember 2002: Donald Rumsfeld billigt in einem nicht öffentlichen Vermerk 16 spezielle Verhörmethoden für Guantanamo, darunter dass Gefangenen durch Hunde Angst gemacht wird, dass sich Häftlinge bei Verhören nackt ausziehen müssen und dass sie bis zu vier Stunden unbequeme Haltungen einnehmen müssen. Des weiteren erlaubt der Pentagonchef Isolationshaft, Verhöre bis zu 20 Stunden und den Entzug warmer Mahlzeiten.

Januar 2003: Aufgrund juristischer Einwände zieht Rumsfeld die Genehmigung wieder zurück und entwirft neue Richtlinien. Trotzdem zirkuliert in Militärkreisen weiterhin die erste Fassung.

Das Folterverbot wird nicht nur in Guantanamo aufgeweicht - mit dem Irakkrieg verschieben sich die rechtlichen Maßstäbe von US-Armee und Geheimdienst auch dort. Mehr auf der nächsten Seite.

Abu Ghraib: Chronologie des Krieges

März 2003: Die USA beginnen den Krieg gegen den Irak.

April 2003: Schon einen Monat später glauben sie, ihn so gut wie gewonnen zu haben. Die US-Armee - und damit Verteidigungsminister Rumsfeld - übernimmt die Macht im Irak. Der amerikanische Gouverneur im Irak, Jay Garner: "Heute beginnt ein freier und demokratischer Irak."

1. Mai 2003: "Mission Accomplished": US-Präsident George W. Bush erklärt den Irakkrieg für beendet - doch fügt interessanterweise hinzu, dass der "Kampf gegen den Terror" im Irak weitergehe. Das veränderte Wording symbolisiert geänderte Grundsätze.

Oktober 2003: Eine interne Untersuchung des US-Militärs über die Zustände in irakischen Gefängnissen findet Hinweise auf Misshandlungen. Eine Ermittlungskommission wird eingesetzt.

Januar 2004: Der Reservist John Darby unterrichtet seine Vorgesetzten über Misshandlungen im Gefängnis Abu Ghraib bei Bagdad. Ermittlungen werden eingeleitet.

Februar 2004: Das Pentagon, das Weiße Haus sowie die britische Regierung bekommen einen Bericht über den Verdacht auf Misshandlungen.

Reagiert wird aber erst, als die Medien von dem Skandal Wind bekommen - lesen Sie davon auf der nächsten Seite.

Abu Ghraib: Chronologie der Bilder

März 2004: Der geheime Bericht gelangt an die Presse.

28. April 2004: Der US-Sender CBS zeigt erstmals Fotos von gequälten und gedemütigten Gefangenen aus Abu Ghraib. Die Fotos hatte ein im Irak stationierter Soldat an einen Kollegen in den USA geschickt, der sie an seine Vorgesetzten weiter leitete. Es sind die Bilder, die schockieren: Der auf einem Pappkarton stehende, verkabelte Häftling mit einer Papiertüte über dem Kopf; der Iraker mit verkabelten Genitalien; US-Soldaten, die lachend neben nackten Häftlingen posieren.

Anfang Mai 2004: Medien in aller Welt übernehmen die Bilder und lösen damit den Skandal aus. Die US-Regierung versucht verzweifelt sich zu rechtfertigen. Präsident George W. Bush und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wehren sich gegen Vorwürfe, die Misshandlungen gebilligt zu haben. Bush wörtlich: "Ich habe niemals Folter angeordnet."

Ein gleichzeitig erscheinendes Memorandum, dem zufolge er sich - theoretisch - das Recht herausnimmt, afghanischen Gefangenen den Schutz der Genfer Konvention zu versagen, machen dieses Dementi aber unglaubwürdig.

6. Mai 2004: Die Washington Post veröffentlicht weitere Fotos, darunter das von US-Soldatin Lynndie England, die einen nackten Gefangenen an einer Hundeleine hält. Insgesamt sollen etwa 1800 private Fotos von den Erniedrigungen existieren.

12. Mai 2004: Der britische Premierminister Tony Blair bezweifelt öffentlich die Echtheit der Bilder.

Die Suche nach dem Schuldigen beginnt.

Abu Ghraib: Suche nach dem Schuldigen

Ende Mai 2004: Rumsfeld übernimmt vor dem Senat die politische Verantwortung, lehnt aber einen Rücktritt ab und bekräftigt, von nichts gewusst zu haben. Außerdem verteidigt er alle angewendeten Verhörmethoden als "mit internationalem Recht vereinbar."

Eine Gruppe US-Abgeordneter sichtet jedoch 1600 Fotos aus Abu Ghraib und schreibt in einem Bericht: Das Bildmaterial deute darauf hin, dass es sich nicht um "spontane Handlungen" sondern um eine "gezielte Zermürbungstaktik" gehandelt habe.

Die Soldatin Lynndie England behauptet ebenfalls, nur auf Anweisung von "Personen mit höherem Rang" gehandelt zu haben.

Juli 2004: Der Bericht der internen Untersuchung der Vorfälle von Abu Ghraib erscheint. Darin bewertet die Armee die Misshandlungen als Versagen einzelner Personen.

Juli 2005: Eine interne Untersuchung der Armee stellt fest, dass in Abu Ghraib dieselben Praktiken angewendet wurden wie in Guantanamo. Das legt die Vermutung nahe, dass die Methoden von oben angeordnet wurden.

Abu Ghraib: Misshandlung war "Standing Operating Procedure"

September 2005: Lynndie England wird wegen der Vorfälle zu drei Jahren verurteilt. Auch sechs weitere Soldaten bekommen Haftstrafen.

November 2006: Janis Karpinski, die ehemalige Kommandeurin von Abu Ghraib, wirft in Interviews ihren Vorgesetzten bis hinauf ins Pentagon Mitwisserschaft vor. Unter anderem behauptet sie, Rumsfeld habe in schriftlichen Kurzmitteilungen Methoden wie Schlafentzug, langes Stehen oder ständige Störungen bei den Mahlzeiten erlaubt. Zudem habe er angewiesen, Gefangene nicht zu registrieren und so gegen die Genfer Konvention zu verstoßen.

März 2008: Auch die Ex-Soldatin Lynndie England belastet ihren ehemaligen Dienstherrn schwer: "Rumsfeld wusste alles", sagte sie in einem Interview.

Mai 2008: Der Dokumentarfilmer Errol Morris veröffentlicht seinen Film "Standing Operating Procedure", für den er stundenlange Interviews mit Akteuren und Hintermännern des Folterskandals geführt hat. Sein Fazit: eine Atmosphäre des Chaos und die (unausgesprochene) Weisung, die Gefangenen zu misshandeln, habe zu den Entgleisungen geführt. Die folternden Soldaten sind seiner Meinung nach zwar schuldig - aber gleichzeitig ebenso Opfer des Systems wie die Gefangenen.

Dezember 2008: Der US-Senat erhebt dieselben Vorwürfe wie Karpinsky und England: Er bezieht sich auf Rumsfelds Vermerk von 2002, in dem er die 16 Verhörmethoden genehmigte, und schließt daraus, dass der Verteidigungsminister über alles informiert war. Damit bekommen die seit Jahren bekannten Vorwürfe neues Gewicht. Rumsfeld behauptet noch heute, nichts von der Folter gewusst zu haben und sie schon gar nicht selbst angeordnet zu haben.

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