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Führungskräfte in der Krise:Warum Chefs ein bisschen Pirat sein sollten

Die deutschen Führungskräfte stecken in einer Orientierungskrise - das zeigt eine neue Studie. Kann womöglich das Prinzip der Piratenpartei, bei der alle mitentscheiden können, der Elite helfen? Eher nicht, meinen die Studienautoren. Auch wenn manche Piraten-Ideen gar nicht so schlecht sind.

Thorsten Denkler, Berlin

Die Welt der Piraten ist einfach: Wenn alle beteiligt sind, dann ergibt sich automatisch das Beste für alle. Keine Geheimnisse mehr, alles kommt auf den Tisch und dann dürfen alle entscheiden. Oder entscheiden, wer für sie entscheiden soll.

Hierarchien werden praktisch abgeschafft. Vorsitzende gibt es nur noch, um den Prozess der Willensbildung zu steuern. Im besten Fall haben die ganz oben keine eigene Meinung mehr. Sie vermitteln nur die über Liquid-Feedback festgestellte Mehrheitsmeinung.

Nach so einer Form der politischen Willensbildung sehnen sich offenbar viele Menschen. Die Piraten gewinnen immer mehr an Zustimmung - obwohl sie noch kaum erkennbare Inhalte haben. Zweistellige Ergebnisse bei den kommenden Landtagswahlen werden nicht mehr ausgeschlossen.

Ist das neue Führungsmodell, das die Piraten propagieren, womöglich auch eines, das als Blaupause für die gesamte Gesellschaft dienen könnte?

Eine Antwort auf diese Frage gibt eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin, das zusammen mit dem Think-Tank "Stiftung Neue Verantwortung" und dem Beratungsunternehmen Egon Zehnder International das Führungsverständnis der deutschen Eliten untersucht hat.

Einiges von dem, was die Forscher herausbekommen haben, spricht tatsächlich für den Ansatz der Piraten. Doch sie stellen auch fest: Allein würde der wohl kaum ausreichen.

In mehrstündigen qualitativen Befragungen von 30 Spitzenvertretern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft haben die Forscher eines schnell erkennen können: Die deutsche Führungselite steckt in einer Orientierungskrise. Die Chefs fühlen sich zunehmend überfordert, mit den vielen Anforderungen an Führung gerecht zu werden. Sie sollen netzwerken, Mitarbeiter einbinden, größtmögliche Transparenz walten lassen, sich auch noch Zeit für sich und die strategische Planung nehmen, aber am Ende immer auch entscheiden.

Piraten werden zu den meisten von diesen Punkten von ihren Mitgliedern geradezu gezwungen. Nur die Sache mit dem Entscheiden - davon sollen die Vorständler bitte die Finger lassen.

Wagt sich ein Pirat aus der ersten Reihe doch mal mit eigenen Positionen nach vorne, bricht im Netz meist umgehend ein Shitstorm über ihn herein, er wird heftig kritisiert. Schon das könne im realen Leben von Wirtschaft und Politik auf Dauer nicht funktionieren, glaubt Unternehmensberater Markus Baumanns, der an der Studie beteiligt war.

"Führung, die gleichzeitig Orientierung gibt"

Das Modell der Piraten habe sicher ein paar gute Elemente, etwa die Wege, auf denen Ideen von vielen zusammengefasst werden können. Da sollten sich manche Führungskräfte "eine Scheibe von abschneiden". Das alleine jedoch "genügt nicht, um ganze Gesellschaften zu organisieren", sagt Baumanns.

Gerade wenn viele Meinungen zusammengeführt werden, brauche es "Führung, die gleichzeitig Orientierung gibt". Mit anderen Worten: Am Ende muss immer eine Person stehen, die eine Entscheidung fällt und zu ihr steht. Das aber möglichst auf einer breiten Wissensgrundlage.

Daran werden auch die Piraten nicht vorbeikommen, sagt Baumanns. "Sie werden sich stärker organisieren müssen." Und hier stünden sie noch ganz am Anfang.

Dass sich Familienunternehmen am Vorbild der Piraten orientieren könnten, hält Jörg Ritter von Zehnder International für völlig abwegig. Er ist sich sicher: "Diese Unternehmen werden sie mit den sichtbaren Strukturen der Piraten nicht führen können."

Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, ist deshalb eher gespannt auf die anstehenden Meinungsbildungsprozesse, die bei den Piraten selbst jetzt anstehen. Auf viele Fragen habe die Partei bislang keine Antworten. Es werde interessant sein, zu sehen, ob sie mit ihren Instrumenten in der Lage sein wird, diese Antworten zu finden.

In einem Punkt sind die Piraten jedoch weiter als die meisten etablierten Organisationen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft: Sie teilen ihr Wissen. Das ist für Allmendinger Grundvoraussetzung für Innovationen. "Innovative Kraft kommt nicht aus dem Einzelnen heraus", sagt sie. "Wissen muss geteilt werden." Allerdings gibt es da in vielen Organisationen nur schwer zu durchbrechende Strukturen. Wissen gilt als Herrschaftsinstrument, das nur ungern geteilt wird. In den meisten Hierarchien werde der Macher belohnt, nicht der Netzwerker.

Die Piraten aber erzielen ihre Glaubwürdigkeit gerade nur durch Transparenz, meint Unternehmensberater Baumanns. "Auch dadurch, dass sie sagen, was sie nicht wissen." Die Kategorie "Nichtwissen zugeben" beherrschen die Piraten meisterhaft.

Einen anderen Tipp Baumanns, eigentlich für Führungskräfte gedacht, sollte sich zumindest die Piraten-Basis zu Herzen nehmen, die gerne mit Pöbeleien gegen ihre ehrenamtlichen Vorleute auffällt. "Mehr zuhören als selber zu reden, abwägen, ernst nehmen - und wertschätzen."

© Süddeutsche.de/mcs

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