Süddeutsche Zeitung

Führungsdebatte:So kann die Linke die Lafontaine-Lücke füllen

Für einen kurzen Moment konnte Dietmar Bartsch nach Lafontaines Rückzug hoffen, Parteichef zu werden. Dann treten zwei Frauen auf den Plan, die jetzt beste Chancen haben. Bartsch muss sich nun dringend auf die Suche nach einer starken Frau machen, um seine Chancen zu wahren. Oder sich mit einer Erzfeindin versöhnen.

Es ist wohl müßig, darüber zu spekulieren, ob Oskar Lafontaine die Linke aus der Krise geführt oder diese womöglich noch verschärft hätte. Sicher ist nur: Seit er nicht mehr Parteichef ist, geht es bergab mit der Partei. Daran hat das Folge-Duo an der Spitze, Gesine Lötzsch und Klaus Ernst, einen gewichtigen, aber längst nicht den alleinigen Anteil.

Lafontaine war immer Problem und Lösung in einer Person. Er hat die Partei mit seinem gnadenlosen Populismus zum Sammelbecken der Unzufriedenen und Empörten gemacht. Ein Rezept, das vor allem im Westen der Linken große Erfolge bescherte. Kaum aber ist Lafontaine weg, ist die Luft raus. In NRW und Schleswig-Holstein fliegt die Partei wieder aus den Landtagen. In Lafontaines Heimat muss sogar der Napoleon von der Saar herbe Verluste wegstecken.

Der betonharte Lafontaine-Kurs gegen alles was nach SPD riecht, war nur durchzuhalten, solange die Ost-Linke sich selbst verleugnet. Ihr am wahren Leben der Menschen orientierter Pragmatismus hatte in der Lafontaine-Partei keinen Platz. Große Krakeeler finden sich dort nicht. Die auffälligste Erscheinung ist noch immer der gewitzte Gregor Gysi, Fraktionschef der Linken im Bundestag.

Jetzt will Lafontaine nicht mehr. Weil er seinen Ost-Kontrahenten Dietmar Bartsch nicht zum Rückzug von seiner Kandidatur zwingen konnte

Vor einer folgenschweren Richtungsentscheidung

Damit steht die Linke vor einer folgenschweren Richtungsentscheidung. Will sie weiter auf Krawall machen und mit den Piraten um die Gunst der Protestwähler konkurrieren? Oder will sie sich auf den mühsamen Weg machen, inhaltlich eine wählbare linke Alternative zu sein?

Für Krawall steht nach wie vor Oskars Liebling, Parteichef Klaus Ernst. Er hat sich noch nicht erklärt, ob und unter welchen Bedingungen er kandidieren würde. Auch müsste er noch eine Frau finden, die es an seiner Seite aushält. Schwierig im Moment.

Die Ost-Frau Katja Kipping und die West-Frau Katharina Schwabedissen, die angekündigt haben, sich für den Parteivorsitz zu bewerben, stehen eher für einen moderaten Kurs. Sie haben ohnehin genug von den Macho-Allüren der Lafontaines, Bartschs und Ernsts in ihrer Partei. Ohne Männer geht's auch. Vielleicht sogar besser. Das ist ihre Hoffnung.

Allerdings ist es nur eine vage Hoffnung. Kipping als stellvertretende Parteivorsitzende und Schwabedissen als Landesvorsitzende in Nordrhein-Westfalen sind durchaus erfahrene Parteifunktionärinnen. Vor allem Kipping stünde auch nicht im Verdacht, mit dem Parteivorsitz intellektuell überfordert zu sein. Durch die gewisse Hemdsärmeligkeit von Schwabedissen könnte so eine spannende Paarung entstehen. Nur: Das Charisma und die natürliche Autorität, einen zerstrittenen Haufen wie die Linke zu bändigen, fehlen beiden.

Also doch Dietmar Bartsch? Nach dem gestrigen Rückzug von Lafontaine sind seine Chancen mal kurz gestiegen, doch noch Parteichef zu werden. Dann aber erreichte ihn die Meldung, dass Kipping und Schwabedissen antreten wollen. Und zwar im Team. So etwas hat Bartsch nicht. Sachsen-Anhalts Linke-Chef Matthias Höhn will zwar unter Bartsch Bundesgeschäftsführer werden. Aber was eine Ko-Vorsitzende angeht, steht Bartsch wie Ernst allein auf weiter Flur.

Augenhöhe ist Minimum

Worauf die Frauen in der Linken nämlich gerade überhaupt keine Lust haben, ist, nur irgend so eine Frau neben Bartsch oder Ernst zu sein. Augenhöhe ist Minimum. Dass es solche Frauen in der Linken kaum gibt, daran sind die beiden nicht schuld, aber es ist ihr größtes Hindernis auf dem Weg zur Parteispitze. Jeder von den beiden bräuchte mindestens eine Frau vom Schlage Hannelore Kraft an der Seite, damit der Eindruck entsteht, es könnte ein gleichberechtigtes Führungsgespann sein.

Die einzige Frau, die an Bartschs Seite für einen Knalleffekt sorgen könnte, wäre Sahra Wagenknecht. Einst Gallionsfigur der Kommunistischen Plattform wird sie heute dummerweise vor allem als Lafontaines Lebensgefährtin wahrgenommen. In der Beziehung liegt auch die Ursache dafür, dass sich Bartsch und Wagenknecht nicht leiden können. Sie und Lafontaine werfen Bartsch vor, hinter der Indiskretion gegenüber dem Spiegel zu stecken, die ihre Affäre schon früh öffentlich machte.

Bewiesen ist das nicht. Bartsch bleibt dabei, er werde fälschlicherweise der Illoyalität bezichtigt. Bartsch und Wagenknecht hätten also einen großen Brocken gegenseitigen Misstrauens aus dem Weg zu räumen, bevor sie sich als Alternative zu Kipping/Schwabedissen präsentieren könnten. Eher unwahrscheinlich, dass das gelingt. Ebenso unwahrscheinlich ist, dass Ernst noch eine überzeugende Ko-Kandidatin findet.

Und so spricht, keine zwei Wochen vor dem entscheidenden Parteitag in Göttingen, alles dafür, dass sich dort die Frauen-Doppelspitze durchsetzt. Es wäre gut, wenn Kipping und Schwabedissen der Partei klarmachen würden, dass damit auch die Zeit der Mega-Erfolge vorbei sein dürfte. Beide Frauen haben weder die Lust noch die innere Kraft, bulldozergleich die politische Landschaft umzupflügen. Einen Lafontaine wird es so schnell nicht wieder geben. Für die Partei kann das Fluch und Segen zugleich sein.

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