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Frühere griechische Außenministerin:"Das Land ist ausgepresst"

European Commission President Jean-Claude Juncker and Dora Bakoya

Die ehemalige griechische Außenministerin Dora Bakoyannis.

(Foto: dpa)

Die frühere griechische Außenministerin Dora Bakoyannis hat im Parlament für Tsipras' Reformvorschläge gestimmt. Sie warnt davor, Griechenland fallen zu lassen.

Von Mike Szymanski

Die frühere griechische Außenministerin Dora Bakoyannis, 61 Jahre alt und Abgeordnete der konservativen Partei Nea Dimokratia, hat in der Nacht zu Samstag im Parlament für die Reformvorschläge der Regierung gestimmt. Sie warnt im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung davor, Griechenland jetzt fallen zu lassen. Ihr Land dürfte nicht zum Symbol für die Anti-Europäer werden.

SZ: Frau Bakoyannis, die Gespräche in Brüssel über ein drittes Hilfspaket sind festgefahren. Etliche Finanzminister zweifeln daran, dass die Griechen es mit den Reformen ernst meinen. Meinen sie es ernst?

Dora Bakoyannis: Man glaubt uns nicht mehr in Brüssel, das ist ein sehr großes Problem. Aber in der Nacht zu Samstag sind zum ersten Mal seit der Krise alle Parteien außer den Kommunisten und Faschisten im Parlament zusammengekommen, um ein für Griechenland schwieriges Programm gemeinsam auf den Weg zu bringen. Wer die Geschichte des Landes kennt, sieht wie groß dieser Schritt ist. Er bedeutet einen Wandel. Das politische System sagt Ja zu diesem Programm. 251 von 300 Abgeordneten werden es implementieren und umsetzen, dafür haben sie gestimmt. Sie haften dafür. Es wäre irrsinnig, wenn man uns jetzt fallenlässt. Das ist die letzte Chance für Griechenland.

Was kann Premier Alexis Tsipras tun, um wieder Vertrauen herzustellen?

Tsipras muss die Regierung umbilden. Er kann nicht länger mit Leuten zusammenarbeiten, die das Programm nicht umsetzen.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sagt, die Vorschläge aus Griechenland reichten noch immer nicht aus. Kann Ihr Land das Angebot noch einmal nachbessern?

Schäuble sitzt in Deutschland. Er bekommt gar nicht mit, was hier passiert. Von einer humanitären Krise ist die Rede - keiner weiß, wie groß die wirklich sein wird, wenn der Grexit kommt. Wo sollen wir denn noch sparen? Vielleicht kann der Staatsapparat noch etwas kleiner werden. Aber nach fünf Jahren Sparpolitik bleibt nicht mehr viel. Das Land ist ausgepresst. Unsere Ärzte arbeiten schon in Deutschland. Wir haben in der Vergangenheit Fehler gemacht. Und ich verstehe, wenn unsere Partner die Nase voll haben. Jetzt steht eine große Mehrheit im Parlament hinter diesem schweren Programm, und Schäuble sagt nein. Das verstehe ich nicht.

Er hat einen Grexit auf Zeit vorgeschlagen. Wie denken Sie darüber?

Ich habe gedacht, das kann nicht von einem Mann wie Schäuble kommen. Er weiß ganz genau, wie das auch von den anderen Ländern interpretiert wird. Es ist wichtig, dass Europa gewinnt und nicht Griechenland zum Symbol der Anti-Europäer wird. Wenn Griechenland aus der Euro-Zone geht, wird das nur der Anfang verschiedener Exits sein.

© sz.de/sosa/luk
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