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Prantls Blick:Der Vorarbeiter der Republik

Friedrich Ebert

Ein würdigender Blick auf Friedrich Ebert

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Ein Toast auf Friedrich Ebert zum 150. Geburtstag - und ein paar Fragen an die SPD. Ebert war ein Staatsmann, der in unmöglicher Zeit sein Möglichstes tat. Wer von den Genossinnen und Genossen tut das heute?

Die politische Wochenvorschau von Heribert Prantl

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Die Rechten nannten ihn links, die Linken nannten ihn rechts. Dieser Linksrechts-Sozialdemokrat, dieser Rechtslinke und Linksrechte, war der zweite Vorsitzende der SPD. Er führte die SPD nach dem Tod von August Bebel im Jahr 1913. Er war kein Volkstribun und kein Arbeiterkaiser wie Bebel. Er war keiner, der die Massen begeisterte; er konnte die Leute nicht besoffen reden; er war kein glühender Revolutionär; er war auch nicht so eloquent und nicht so charismatisch wie der damalige SPD-Fraktionschef Philipp Scheidemann. Und er wollte eigentlich auch nicht unbedingt, wie Scheidemann es am 9. November 1918 tat, die Republik ausrufen. Er war vorsichtiger, er hätte sich mit auch mit einer parlamentarischen Monarchie nach britischem Vorbild zufriedengegeben - allerdings ohne den Kaiser Wilhelm und den Kronprinzen.

Das Gesicht der Weimarer Republik

Aber er stellte sich dann souverän und eindrucksvoll an die Spitze der ersten deutschen Demokratie. Er wurde ihr erster Präsident. Er war der Weichensteller und der wichtigste Vertreter der Weimarer Republik, er wurde ihr ehrliches Gesicht. Er war ein Mann mit gewaltigem organisatorischen Talent, mit hohem Pflichtbewusstsein und mit einem heißen sozialen Herzen. An ihm lag es nicht, dass die Weimarer Republik kein sehr langes Leben hatte. An ihm lag es nicht, dass diese Republik so furchtbar gebeutelt wurde, dass sie traktiert wurde von putschenden Militärs, von einer irrsinnigen Inflation und von blutigen Auseinandersetzungen zwischen Rechts- und Linksradikalen. Er hat versucht, in dieser irren wirren Zeit der erste Diener des Volks zu sein - und der Vorarbeiter der Republik.

Er hat in einer unmöglichen Zeit sein Möglichstes getan

In seinen sechs Jahren als erster Präsident der ersten deutschen Republik erlebte er neun Reichskanzler und zwölf Kabinette. Er war, unter schwierigsten Umständen, ein Anker der Stabilität und der Kontinuität in einem Land, dem der Versailler Vertrag die Luft abschnürte. Er war ein redlicher und integrer Mann, einer, der in einer unmöglichen Zeit sein Möglichstes tat. Er war erst 54 Jahre alt, als er 1925 starb. Vor 150 Jahren, am 4. Februar 1871, wurde dieser Friedrich Ebert in Heidelberg geboren.

Vaterlandstreuer Gesell

Ebert hatte, wie der Ebert-Forscher Bernd Braun schreibt, "organisatorisches Talent, taktisches Geschick und strategisches Kalkül, gepaart mit einem ausgeprägten Machtinstinkt". Er brachte 1914, als er das Verbot der SPD befürchtete, die Parteikasse zur Sicherheit in die Schweiz. Er war ein Realpolitiker, er war der Vertreter der kleinen Leute, er war ein vaterlandstreuer Gesell - ein Sattlergesell, aufgewachsen als siebtes von neun Kindern in Heidelberg, von denen drei im Kindesalter starben. Er wuchs auf in einer Wohnung von 45 Quadratmetern. Sein Vater war Schneidermeister und er stammte, wie die Mutter, aus kleinbäuerlichen Verhältnissen. Er blieb dem Milieu treu, aus dem er stammte. Als Präsident sah er sich als erster Diener des Volkes - und er stand Spott, Hohn, Hass und Niedertracht, die ihm von ganz Links und ganz Rechts entgegenschlugen, mit wackerem Anstand durch.

Ein Verräter? Ein Demokrat!

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs warb er für den Burgfrieden der SPD mit dem Kaiser, unter Eberts Vorsitz stimmte die SPD für die Kriegskredite; das führte zur Spaltung der SPD. Als Reichspräsident ließ Ebert Revolten von Rechts- und Linksaußen gewaltsam niederschlagen. Joachim Mohr schrieb dazu im Spiegel: "Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass Ebert und die Reichsregierung, weil sie über keine eigenen loyalen Soldaten verfügen, auf Truppen rechter Extremisten zurückgreifen müssen, die die Demokratie genauso verachten wie jene Linksradikalen, gegen die sie eingesetzt werden. Für viele Linke wird Ebert deswegen zum 'Arbeiterverräter' und 'Agenten der Bourgeoisie".

Die bittere Klage der Spartakisten aus dieser Zeit klingt bis heute nach "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!" Sebastian Haffner, der große deutsch-britische Journalist, hat Ebert vorgeworfen, er hätte die Massenbewegung nutzen sollen um das alte Militär zum Teufel zu jagen, statt sich mit ihm zu verbünden. Haffners Vorwurf "Der Verrat" sei ein "Aufschrei der Verzweiflung" gewesen, meinte der SZ-Kollege Joachim Käppner dazu in seinem Buch "Aufstand für die Freiheit". Ebert war kein Verräter. Er hatte Angst um die Demokratie. Er war einer, der die Demokratie halten und erhalten wollte. Er hat es nach seinen Kräften versucht.

Wo ist der Stolz, wo ist das Selbstbewusstsein?

Mich interessiert heute und in diesem Newsletter vor allem der Sozialdemokrat Ebert, weil die Sozialdemokratie von heute so ungeheuer notleidend ist und weil vielleicht der Rückblick auf die alten Zeiten notwendig ist, um die Not von heute zu wenden. Der SPD von heute fehlen der Stolz und das Selbstbewusstsein, das die Sozialdemokratie damals, zu Bebels und zu Eberts Zeiten, hatte.

Die SPD implodiert lautlos

Der SPD fehlt das Nachdenken darüber, was sie war, was sie ist und was sie morgen sein will: In den alten Zeiten war das Kapital national organisiert, die Sozialdemokratie setzte die Internationale der Arbeiterbewegung dagegen. Heute ist das Kapital international organisiert - aber der SPD ist das Internationale verloren gegangen. Die SPD war stets eine Partei, in der fundamental und radikal gestritten und gerungen wurde. Auch das ist vorbei. Die strittigste Frage handelt heute vom Home-Office. Die Sozialdemokratie hat, zu Eberts Zeiten, im Streit um die richtigen Positionen, die Spaltung riskiert - und sie hat wieder zusammengefunden. Sie hat sich intellektuell gefetzt, sie ist explodiert. Heute fetzt nichts mehr, heute explodiert nichts; die Partei implodiert, fast lautlos. Es herrscht Grabesruhe.

Leiden am Angstüberschuss

Die Sozialdemokratie lebte ganz lang vom Hoffnungsüberschuss, sie lebte von der Vorstellung, dass ein anderes, ein besseres Leben möglich ist. Sie kann diese Hoffnung nicht mehr befriedigen, sie hat sie nicht mehr; die Partei leidet an einem Angstüberschuss. Sie leidet daran, dass sie nicht mehr groß denken kann. Wo bleibt das nachhaltige Nachdenken über Abrüstung, über Friedenspolitik? Wer in dieser Partei hat die Statur, mit den Amerikanern unter dem neuen Präsidenten darüber zu reden, Russland ein Dialogangebot zu machen? Der SPD-Außenminister? Wirklich nicht. Die Außenpolitik war lange Zeit das Terrain, auf dem die SPD die Wegweiser gesetzt hat - unter Brandt, auch noch unter Schröder. Vorbei.

Clement und Lafontaine

Es ist nicht so lange her, dass sich in dieser Partei wirtschafts- und gesellschaftspolitische Positionen wie die von Lafontaine und Clement gegenüberstanden. Das hat Reibung erzeugt. Heute reibt nichts mehr. Es kann sein, dass in absehbarer Zeit Lars Klingbeil und Kevin Kühnert den Laden SPD übernehmen, dass sie dann Inventur machen und feststellen, dass kaum noch etwas da ist, was man inventarisieren könnte.

Die SPD muss, um aus einer der größten Krisen ihrer Geschichte zu kommen, alles mobilisieren, was sie noch hat. Sie kann es sich nicht leisten, die Leute, die sie in den Ruhestand geschickt hat, dort versauern zu lassen. Sie muss Leute wie Martin Schulz, Sigmar Gabriel und Andrea Nahles, auch ehemalige Landespolitiker wie den bayerischen Sozialdemokraten Franz Maget, reaktivieren - Leute, die etwas können, die etwas geleistet haben, die Fehler gemacht haben, die gescheitert sind, so wie die SPD als Partei auch. Die ehemaligen Bundes- und Landesvorsitzenden, die ehemaligen Gesichter der SPD, sie zählen zur verbliebenen Substanz der Partei; die SPD braucht ihr Können, ihre Ausstrahlung - nicht in Vorstandsfunktionen, aber in Positionen, in denen sie für die Öffentlichkeit als Sozialdemokraten sichtbar sind. Sie und die SPD sollten in schwierigster Zeit damit aufhören, ihre Animositäten zu pflegen; sie sollten, auch ohne herausgehobenes Parteiamt, ihrer Partei beim Aufstehen helfen und dabei, die jungen Talente zu fördern, die es noch immer gibt.

Das letzte Gefecht

Die SPD muss sich auf das besinnen, was im alten Arbeiter-Kampflied steht: "Uns aus dem Elend zu erlösen / können wir nur selber tun!" Das ist das Vermächtnis der ganz Alten, das ist das Vermächtnis von Bebel und Ebert und Brandt. Vielleicht wird daraus das letzte Gefecht. Es sollte gewagt werden. Denn ein Land ohne Sozialdemokratie mag man sich eigentlich nicht vorstellen - selbst dann nicht, wenn man politisch woanders steht.

Wir stehen am Beginn eines großen Wahljahres. Wünschen wir uns einen Wahlkampf, der die Demokratie belebt und erfrischt - auch und gerade in Corona-Zeiten.

© SZ/jael
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