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Friedenspreisträger Liu Xiaobo:Der Preiskampf: Konfuzius gegen Nobel

Vor der Vergabe des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo zeigt China seine Verachtung für die Osloer Auszeichnung. Jetzt hat das Land einen eigenen Friedenspreis ausgelobt - den das Nobel-Komitee einfach weglächelt.

Der Friedenspreis ist vergeben, zum ersten Mal in China. Doch der Preisträger kam nicht persönlich zur Verleihung. Mit dem ersten "Konfuzius-Friedenspreis" zeichnete eine dem chinesischen Kultusministerium nahestehende Kommission den früheren taiwanische Vizepräsident Lien Chan aus - einen Tag bevor in Oslo die Zeremonie zur Vergabe des Friedensnobelpreises stattfindet. Am Freitag werden Ehrengäste und Medienvertreter das Rathaus der norwegischen Hauptstadt füllen, auf Wunsch des Preisträgers wird ein Kinderchor singen. Jedoch wird - erst zum zweiten Mal in der Geschichte des Preises, nach Carl von Ossietzky im Jahr 1935 - niemand da sein, um ihn in Empfang zu nehmen: Der Preisträger Liu Xiaobo sitzt seit 2008 in chinesischer Haft.

Workers prepare the Nobel Peace Prize laureate exhibition 'I Have No Enemies' for Chinese dissident Liu Xiaobo at the Nobel Peace Center in Oslo

Im Nobel Peace Center in Oslo wird Liu Xiaobo gewürdigt. Dieses Plakat wirbt für die Ausstellung "I Have No Enemies".

(Foto: REUTERS)

Auch kann niemand an seiner Statt die wichtigste politische Auszeichnung der Welt entgegennehmen. Lius Frau Xia steht in Peking unter Hausarrest, ebenso wie viele Unterstützer und Freunde des chinesischen Dissidenten. Zudem verhängte die kommunistische Führung ein striktes Ausreiseverbot für Regimekritiker und ihre Familien. Peking betrachtet die Auszeichnung Xiaobos als politischen Affront und hatte die internationale Staatengemeinschaft aufgerufen, die Zeremonie zu boykottieren.

"Wir können bei der Vergabe nicht auf nationale Interessen achten", sagte der Vorsitzende des Nobel-Komitees Thorbjørn Jagland bei einer Pressekonferenz am Vortag der Verleihung. "Ich schenke dem Druck von chinesischer Seite wenig Aufmerksamkeit", so Jagland bei der Veranstaltung im Nobel-Institut. Nach dem Ausmaß diplomatischer Druckmittel hatte eine Journalistin aus der teilautonomen Sonderverwaltungszone Hong Kong gefragt. Wichtig sei, so Jagland, dass sich die Botschaft des Preises in der Welt verbreite, und in China selbst. "Die Vergabe soll ein Signal an China sein, dass politische Reformen für die Zukunft des Landes sehr wichtig sind", erklärte der frühere Ministerpräsident.

Der Preis solle zudem als Unterstützung für alle Menschen in China verstanden werden, die um ihre Menschenrechte kämpfen, sagte Jagland weiter. "Auch die Volksrepublik China muss die Menschenrechte achten."

Am Mittwoch hatten Hunderte Anhänger Xiaobos in Hongkong für die Freilassung des Regimkritikers demonstriert. Liu war im Dezember 2009 wegen Untergrabung der Staatsgewalt zu elf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er ist Mitverfasser der Charta 08, eines Manifests für tiefgreifende politische Reformen. Über seine Frau ließ Liu seine Unterstützer wissen, dass er den Preis jenen widmen wolle, die dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 zum Opfer fielen. Liu selbst wurde nach dem Blutbad zum ersten Mal inhaftiert.

Empörung aus Peking

Seit der Bekanntgabe des Preisträgers setzte die Regierung in Peking alles daran, ihrer Empörung darüber Ausdruck zu verleihen und Xiaobo und das Nobel-Komitee zu verunglimpfen: Der 54-Jährige sei ein "Krimineller", hieß es aus dem Außenministerium, die Unterstützer des Preises Clowns, die eine Farce inszenierten. "Die Vergabe durch das Nobel-Komitee an solche Leute widerspricht völlig dem Ziel des Preises", so die Haltung Pekings, und sei "eine Schmähung" dieser Auszeichnung.

Nur folgerichtig scheint es da, selbst einen Friedenspreis aufzulegen - jenen "Konfuzius-Friedenspreis", der sogleich zum ersten Mal verliehen wurde. Auf Nachfrage erklärte der Leiter des Nobel-Komitees Jagland, es sei jedem selbst überlassen, einen Friedenspreis zu stiften. "Ich heiße Wettbewerb stets willkommen", sagte Jagland, allerdings nicht ohne ein feines Lächeln.

Zuletzt hatte die Führung in Peking den europäischen Ländern offiziell mit Konsequenzen gedroht, sollten sie die Zeremonie nicht boykottieren. Insgesamt 19 Länder folgten dem Boykottaufruf. Die Ukraine und Russland gehören ebenso dazu wie Iran und Ägypten. Zuletzt kündigte Serbien an, keinen Vertreter nach Oslo zu entsenden - eine Ankündigung, die prompt die EU auf den Plan rief: Wenn Serbien der EU beitreten wolle, müsse es auch die europäischen Werte achten, sagte eine Sprecherin der EU-Kommission.

Nach chinesischer Zählung wollen jedoch deutlich mehr Staaten der Zeremonie fernbleiben: "Soweit ich weiß, haben mehr als 100 Länder und Organisationen bislang ihre explizite Unterstützung für China zugesagt", gab eine Sprecherin des Außenministeriums zu Protokoll. "Bei der Zeremonie werden alle sehen können, dass die große Mehrheit der internationalen Gemeinschaft nicht teilnimmt."

Doch diese Tatsache allein ist nicht mit der Ablehnung der Preisvergabe gleichzusetzen: Denn zur morgigen Verleihung sind ohnehin nur jene 65 Länder geladen, die eine Botschaft in Norwegen unterhalten.

Hinweis der Redaktion: Auf der Internetseite tv.radio-luma.net hat das chinesische PEN-Zentrum ein Video veröffentlicht, in dem Liu Xiaobo über seine Arbeit als Präsident der Organisation und die Bedeutung der Meinungsfreiheit in China berichtet.

© sueddeutsche.de/woja
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