Moskau:Nach Nobelpreis: Gericht entreißt Memorial das Gebäude

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Moskau: Das Schild der Menschenrechtsorganisation in Memorial an ihrem Gebäude in Moskau.

Das Schild der Menschenrechtsorganisation in Memorial an ihrem Gebäude in Moskau.

(Foto: Maxim Shemetov/REUTERS)

Die mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete russische Menschenrechtsorganisation Memorial verliert nach ihrer Auflösung nun auch ihren Stammsitz in Moskau.

Ein Gericht in der russischen Hauptstadt hat das Gebäude am Freitag in einem als politisch motiviert kritisierten Verfahren dem russischen Staat zugeschlagen. Memorial kündigte an, seinen Kampf um die Menschenrechte trotzdem fortzusetzen und den Nobelpreis zu feiern.

Das Nobelkomitee hatte auch dem belarussischen Menschenrechtsanwalt Ales Bjaljazki und dem ukrainischen Center for Civil Liberties die Auszeichnung zugesprochen.

"Wir sind dem Nobelkomitee dankbar für diese ehrenvolle Auszeichnung", teilte Memorial am Abend nach stundenlangem Ringen mit der Justiz um seinen Stammsitz mit. Die Justiz hatte die Organisation im vergangenen Jahr aufgelöst. Die Arbeit solle trotz des Drucks der Behörden "unter allen Umständen" weitergehen - nach dem Vorbild von Gründungsvater Andrej Sacharow, teilte Memorial weiter mit.

Der Physiker Sacharow, auch bekannt als Erfinder der sowjetischen Wasserstoffbombe, hatte den Friedensnobelpreis 1975 erhalten. "Idee und Mission von Memorial sind Menschen, Geschichte, Hilfe für die Opfer von Repressionen, der Kampf gegen staatliche Gewalt", hieß es weiter in der Stellungnahme. "Memorial - das ist ein Netz, das sind Menschen, das ist eine Bewegung."

Die Arbeit laufe in Russland und in der Ukraine sowie in anderen Ländern. Memorial erfahre aktuell wie andere russische Bürgerrechtsorganisationen auch "starken Druck". "Aber es ist nicht möglich, Erinnerung und Freiheit zu verbieten." Dabei denke Memorial an den in Belarus inhaftierten Bjaljazki sowie andere politische Gefangene in dem Land und an die in der Ukraine unter Bedingungen des russischen Angriffskrieges arbeitenden Kollegen.

Der Friedensnobelpreis komme in einer Zeit, in der Russland einen Eroberungskrieg in der Ukraine führe und im eigenen Land Rechte und Freiheiten zerstöre. Das sei eine Gefahr für die Welt.

Die Memorial-Mitgründerin Irina Scherbakowa sieht im Friedensnobelpreis ein wichtiges Signal für die Menschen in Russland, die dem Putin-Regime und dem Ukraine-Krieg kritisch gegenüberstehen. Die Entscheidung des Nobelkomitees sei für viele von ihnen ein freudiges Ereignis, sagte Scherbakowa am Freitagabend in Jena. Denn viele Menschen in Russland seien verängstigt wegen massiver Repressionen und der Polizeigewalt. Aber es werde eine Zeit nach Präsident Putin geben, betonte Scherbakowa. "Ich hoffe sehr, dass Russland irgendwann aus dieser moralischen, politischen Katastrophe einen Weg findet in die Demokratie und Freiheit."

Die Menschenrechtsorganisation Memorial wurde im vergangenen Jahr auf Anweisung der russischen Behörden aufgelöst, weil sie gegen Gesetze verstoßen haben soll. Die Organisation setzte sich für politisch Verfolgte und Gefangene ein. Und sie klärte über Verbrechen der kommunistischen Gewaltherrschaft auf.

Die studierte Historikerin und Germanistin Scherbakowa hat eine Gastprofessur an der Universität Jena inne und wohnt in Weimar. "Sie haben gezeigt, wie der Mut von wenigen einen Einfluss auf die ganze Welt haben kann", betonte Universitätspräsident Walter Rosenthal. "Danke für Ihren Mut und Ihr Durchhaltevermögen."

Nach Scherbakowas Einschätzung ist in den vergangenen Monaten die Wahrnehmung des Ukraine-Krieges bei vielen Menschen in Russland realistischer geworden. Sie warb dafür, Kriegsdienstverweigerern zu helfen und ihnen Zuflucht zu gewähren. "Jeder Mensch, der vor diesem Krieg flüchtet, ist ein Soldat weniger in der Ukraine."

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