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Friedensnobelpreis: Liu Xiaobo:Dynamit für Peking

Für Liu Xiaobo ist der Friedensnobelpreis ein Zeichen der Menschlichkeit. Für die 10.000 Unterzeichner seiner Charta 08 kommt er genau zur richtigen Zeit.

Er saß unschuldig in seiner Gefängniszelle, zwangsläufig gequält von dem Gedanken, ob ihn die Welt vergessen hat. In dieser Lage hat der Chinese Liu Xiaobo den Friedensnobelpreis erhalten.

Friedensnobelpreis an Liu Xiaobo

Friedensnobelpreis an Liu Xiaobo: ein Akt der Menschlichkeit.

(Foto: dpa)

Jenseits aller Politik und aller wichtigen Fragen, was dies nun für China bedeuten mag, ist diese Entscheidung zunächst einmal ein Akt der Menschlichkeit. Welch eine Ermutigung für diesen Mann, der schon nach zwei von elf Jahren seiner Gefängnisstrafe deutlich abgemagert ist!

Auch die zweite Botschaft dieser Preisvergabe, mit der das Nobel-Komitee nach mehreren Fehlgriffen an seine nobelsten Traditionen anknüpft, ist universell und zeitlos: Niemand sollte allein aufgrund seiner politischen Überzeugungen in Unfreiheit leben. Kein Carl von Ossietzky, der denselben Preis erhielt, als er schwer krank unter der Bewachung der Gestapo stand, keine Aung San Suu Kyi, kein Chinese, niemand.

Für Chinas Führung ist dieser Friedensnobelpreis darüber hinaus hochpolitisch und gefährlich. Denn er ist eine Ermutigung für alle oppositionellen Kräfte in der Volksrepublik, denen es bislang an einer einigenden Führungsfigur gefehlt hat. Das Prestige eines Nobelpreises wirkt auch in der Volksrepublik. Trotz aller Zensurversuche der kommunistischen Führung, trotz ihrer aufgeregten Rufe von "Blasphemie" oder "westlicher Arroganz" sind seit der Preisvergabe vom vergangenen Freitag in der chinesischen Bevölkerung viele positive Kommentare zu hören. Die Polizei musste einschreiten, um einige spontane Feiern aufzulösen. Unzählige Chinesen haben zu Hause gefeiert.

Niemand erwartet, dass ein solcher Preis über Nacht die Demokratisierung Chinas einen großen Schritt voranbringen wird. Selbst die Olympischen Spiele, die so viele Hoffnungen dieser Art geweckt hatten, sind da eher wirkungslos verpufft. Was sich Liu Xiaobo mit seiner von Vaclav Havel inspirierten Charta 08 vorgenommen hat, ist eine Sisyphus-Arbeit. Liu weiß das selbst. Die Befreiung seines Landes von den Fesseln kommunistischer Autokratie müsse schrittweise, friedlich, geordnet und kontrolliert erfolgen, hat er geschrieben; selbst Ordnung unter einer schlechten Regierung sei noch besser als totales Chaos ohne Regierung. Es sind solche moderaten Töne, die ihm auch vereinzelte Kritik aus dem Lager radikaler Exil-Chinesen beschert haben.

Wer jedoch an der sozialen Sprengkraft dieses von einem Dynamit-Fabrikanten gestifteten Preises für Chinas KP zweifelt, der sei an die Ära Wei Jingsheng erinnert. Dieser Altvater der chinesischen Demokratiebewegung hatte schon 1979 in einer Wandzeitschrift öffentlich die "Fünfte Modernisierung" Chinas gefordert, also seine Demokratisierung. Als Wei nach mehr als 14 Jahren Gefängnis und Arbeitslager freikam, weil sich Peking zum ersten Mal um die Olympischen Spiele bewarb, pilgerten sofort sämtliche aktiven Regimegegner zu seiner Wohnung im Westen Pekings. All die Jahre im Gefängnis hatten nicht die Strahlkraft seiner Gedanken gemindert.

Genau wie Wei Jingsheng, der den Friedensnobelpreis auch verdient hätte und hierfür zigfach nominiert war, bleibt der nun über Nacht weltberühmt gewordene Liu Xiaobo eine Bedrohung für das Regime in Peking, solange er in China lebt.

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