Friedensnobelpreis für Chemiewaffenkontrolleure:Für eine Welt ohne Chemiewaffen

Kuwait übt für ABC-Waffen-Angriff

Soldaten einer tschechischen Spezialeinheit trainieren bei einer Übung in Kuwait ihren Einsatz bei einem ABC-Waffen-Angriff.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Vor 20 Jahren gab es genug Giftgas, um Millionen Menschen zu töten. Dass nun die letzten Vorräte vernichtet werden, ist der Verdienst unzähliger engagierter Inspektoren, Arbeiter und Diplomaten . Eine Erfolgsgeschichte.

Ein Gastbeitrag von Paul Walker

Dieses Jahr sind wir einer Welt ohne Chemiewaffen nähergekommen. Am 2. Dezember erhielt ich den Alternativen Nobelpreis für meine Arbeit gegen Chemiewaffen; an diesem Dienstag werden unsere Partner von der Organisation für das Verbot chemischer Waffe" (OPCW) mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Beide Preise erkennen mehr als zwei Jahrzehnte der Bemühungen von Tausenden Inspektoren, Arbeitern und Diplomaten an. Sie werden helfen, die Entstehung chemischer Waffen in der Zukunft zu verhindern. Sie zeigen: Eine Welt ohne Chemiewaffen ist möglich.

Seit dem Ersten Weltkrieg wissen wir: Chemische Waffen gehören zu den schrecklichsten Massenvernichtungswaffen, die der Mensch sich ausgedacht hat; sie töten vor allem wehrlose Zivilisten, die qualvoll verrecken; sie sind der Kampfstoff der Völkermörder und Schreckensherren. Deshalb ist der Beitritt Syriens zur internationalen Chemiewaffenkonvention am 14. September ein historischer Durchbruch - auch auf dem Weg zu einer massenvernichtungswaffenfreien Zone im Nahen Osten. Syrien ist das 190. Land, das sich innerhalb von 20 Jahren der Chemiewaffenkonvention angeschlossen hat. Die Assad-Regierung ist damit verpflichtet, ihr Chemiewaffenprogramm offenzulegen, Inspektionen zuzulassen und Labore, Produktionsstätten, Waffen sowie Kampfstoffe in den nächsten neun Monaten zu vernichten.

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Paul Walker, 67, ist Leiter des Umweltsicherheitsprogramms von Green Cross International in Washington. Für seinen Einsatz für die Umsetzung der UN-Chemiewaffenkonvention erhielt er den Alternativen Nobelpreis.

(Foto: oh)

Kürzlich erst sind die Inspektoren der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) in Syrien gewesen. Seit Anfang September haben sie 39 von 41 gemeldeten Einrichtungen besichtigt. Die verbleibenden zwei Standorte sind derzeit noch nicht zugänglich - von Sicherheitsbedenken ist die Rede. Der Zeitplan ist sehr ambitioniert und unterscheidet sich sehr von den vorangegangenen Fällen.

Die Gefechtsköpfe lagen wie in einem riesigen Weinregal - gesichert waren sie nicht

Die beiden Länder, welche der OPCW die bislang größten Bestände an Chemiewaffen gemeldet haben, sind Russland und die Vereinigten Staaten. Beide haben das Chemiewaffenabkommen 1993 unterzeichnet und sich in der Folge bereit erklärt, 40 000 (Russland) beziehungsweise 28 600 (USA) Tonnen an chemischen Kampfstoffen zu vernichten. Die USA haben ihre erste Anlage zur Beseitigung ihrer Waffen und Kampfstoffe 1990 auf dem Johnston-Atoll im Pazifik in Betrieb genommen. In der Zwischenzeit haben sie fast 90 Prozent ihrer damals deklarierten Chemiewaffen zerstört. In den Bundesstaaten Colorado und Kentucky gibt es noch je ein Lager. Es wird noch ein Jahrzehnt dauern, bis diese Chemikalien zerstört sind.

Nach dem Krieg besaß jedoch Russland das mit Abstand größte Arsenal an chemischen Waffen. 1994 besuchte ich als Berater des US-Repräsentantenhauses erstmals eine Lagerstätte für Chemiewaffen in der UdSSR, es war in Tscheljabinsk im Ural. Wir fuhren zu einer entlegenen Militäreinrichtung und betraten, geschützt durch Gasmasken, eine riesige Halle. Ich war entsetzt: Da lagen mehr als zwei Millionen mit Nervengas gefüllte Gefechtsköpfe, gestapelt in einer Art riesigem Weinregal; alles war einsatzbereit. Es gab mehr als tausend mit Chemiewaffen bestückte Raketen, auf kleinen Wagen montiert, binnen Minuten abschussbereit. Die Halle war lediglich mit Vorhängeschlössern gesichert, die Sicherheitsvorkehrungen waren lächerlich. Dieser Besuch war für mich der Anstoß, die Vernichtung von Chemiewaffen zu meiner Lebensaufgabe zu machen.

Im Dezember 2002, zwölf Jahre nach den USA, nahm dann die erste russische Zerstörungsanlage den Betrieb auf. Inzwischen sind mehr als 70 Prozent des Bestands zerstört - 10 000 Tonnen existieren noch. Vier weitere Länder haben der OPCW den Besitz von zusammen 2050 Tonnen an chemischen Kampfstoffen offenbart: Albanien hatte 16 Tonnen, Libyen 25, Indien und Südkorea jeweils geschätzt 1000 Tonnen. Alle Substanzen sind sicher eliminiert worden, mit Ausnahme einiger Reste in Libyen. Im Irak gibt es allerdings zwei große versiegelte Bunker, in denen eine unbekannte Anzahl von chemischen Waffen und Kampfstoffen lagert.

Syrien ist also das achte Land, das laut eigener Deklaration über chemische Waffen verfügt. Es wird berichtet, dass das syrische Waffenlager etwa 1000 Tonnen an chemischen Vorläufersubstanzen enthält. Die gemeinsame Mission der Vereinten Nationen und der OPCW erklärte am 31. Oktober, dass sie "die funktionale Zerstörung von kritischem Gerät für alle von Syrien deklarierten Stätten zur Produktion und Befüllung chemischer Waffen beendet" hat, die Anlagen seien "inoperabel" gemacht worden. Das Land hat mittlerweile im Detail offengelegt, wie es das gesamte Arsenal an Chemiewaffen sowie alle zur Herstellung von Chemiewaffen erforderlichen Geräte und Anlagen bis Mitte 2014 zerstören will. Wahrscheinlich besteht das deklarierte Arsenal fast ausschließlich aus chemischen Ausgangsstoffen. Sie sind gefährlich, stellen aber eine geringere Gefahr für die Bevölkerung dar als tödliche Nerven- und Hautgiftstoffe. Sie können einfacher transportiert und zerstört werden.

Die nächste Herausforderung: Länder, die die C-Waffen-Konvention noch nicht ratifiziert haben

Die vollständige Zerstörung von Syriens Chemiewaffen setzt eine komplette und präzise Deklaration voraus, die in vollem Umfang von der OPCW überprüft wird. Zweitens wird ein sicherer, zeitnaher und unumkehrbarer Zerstörungsprozess benötigt, der in Syrien selbst oder außerhalb des Landes umgesetzt wird - in jedem Fall muss die Frist bis Mitte 2014 eingehalten werden. Drittens ist umfangreiche technische und finanzielle Unterstützung beim Transport, bei der Zerstörung und dem Management des Giftabfalls durch die USA, Russland und weitere Länder nötig.

Die nächste große Herausforderung auf dem Weg zu einer chemiewaffenfreien Welt ist der Umgang mit jenen Ländern, die wahrscheinlich ebenfalls über solche Waffen verfügen, die Chemiewaffenkonvention aber nicht unterschrieben oder ratifiziert haben. Dazu zählen Angola, Ägypten, Israel, Myanmar, Nordkorea und der Südsudan. Zumindest Nordkorea verfügt über ein erhebliches Arsenal. Israel wie Ägypten werden verdächtigt, ein Chemiewaffenprogramm zu betreiben.

Wir haben die Chance, eine ganze Gattung von Massenvernichtungswaffen zu eliminieren. Ein nicht diskriminierendes Inspektions- und Überprüfungssystem könnte helfen, dass diese unmenschlichen Waffen nicht wieder entwickelt werden. Dies würde im 21. Jahrhundert einen historischen Wendepunkt bedeuten - nach einem 20. Jahrhundert, das geprägt war von Kriegen. Eine Welt ohne Chemiewaffen bedeutet nicht, dass es keinen Krieg mehr gibt, Syrien ist das aktuelle Beispiel dafür. Und doch wäre das Verschwinden der Chemiewaffen ein Zeichen. Wenn wir es wollen, ist es in zehn Jahren so weit.

© SZ vom 10.12.2013/dgr
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