JapanHiroshima für Kinder

Lesezeit: 2 Min.

2028 sollen die ersten Spezialtouren für Grundschüler durch das Friedensmuseum führen.
2028 sollen die ersten Spezialtouren für Grundschüler durch das Friedensmuseum führen. IMAGO/Lucas Vallecillos / VWPics/IMAGO/VWPics

Das berühmte Museum möchte besser auf seine jüngsten Besucher eingehen. Der Bedarf ist vorhanden, doch wie zeigt man die Folgen eines Atombombenabwurfs auf eine kindgerechte Art?

Von Thomas Hahn, Tokio

Ende Februar 2024 brachte Teimuraz Lezhava, Georgiens Botschafter in Japan, das Kunststück fertig, wegen eines Museumsbesuchs in die Zeitung zu kommen. Mit seiner Familie war er im Friedensmuseum von Hiroshima gewesen, das die Folgen des ersten amerikanischen Atombombenabwurfs von 1945 zeigt. Anschließend dokumentierte er die Erfahrung auf der Plattform X – und zwar mit einem Foto seiner damals vierjährigen Tochter. Das Kind betrachtet darauf andächtig die verkohlte Lunchbox, die der Schüler Shigeru Orimen dabeihatte, als ihn die Bombe damals tötete. Kritische Kommentare folgten: Sind solche Wahrheiten kindgerecht?

In der Zeitung Asahi antwortete Lezhava: „Erst habe ich gezögert, aber dann bin ich zu dem Schluss gekommen: Kindererziehung bedeutet, die freudvollen und die schmerzhaften Aspekte des Lebens zu teilen.“ Außerdem habe das Museum keine Altersbeschränkung.

Wie sagt man Kindern, dass Mord und Vernichtung zur Menschheitsgeschichte gehören? Die Frage ist in Hiroshima gerade aktueller denn je. Nicht wegen des Botschafters Lezhava natürlich, dem man in seine Kindererziehung nicht reinreden sollte. Sondern weil das berühmte Friedensmuseum der Stadt eine Sonderausstellung für Kinder bekommen soll. Vergangene Woche trat zum ersten Mal ein Gremium mit elf Fachleuten zusammen, das über die Ausrichtung des Vorhabens beraten soll.

Was soll man zeigen?  Die Meinungen gehen auseinander

Viele Ausflüge von Grund-, Mittel- und Oberschulen führen zum Friedensmuseum. Aber dort wird es immer voller wegen der vielen Touristen; erst im Fiskaljahr 2024 verzeichnete das Museum einen neuen Rekord mit mehr als 2,26 Millionen Besucherinnen und Besuchern. Im Gedränge können die Schüler die Inhalte nicht richtig verarbeiten. Anderen macht die detailreiche Darstellung des Grauens Angst. Eine Umfrage der Stadtverwaltung und anderer Stellen zeigte, dass viele Schulen sich Lösungen für beide Probleme wünschen. Und jetzt ringt man in Hiroshima also um die richtig dosierte Anti-Atombomben-Bildung.

Das Friedensmuseum schont seine Besucher nicht. Fotos von Strahlenopfern sind zu sehen, wahre Geschichten ohne Happy End werden erzählt. Die ersten Ideen für die Kinderräume sehen vor, Exponate aus der Dauerausstellung zu zeigen, die Kinder-Schicksale dokumentieren, etwa das Dreirad, auf dem der dreijährige Shinichi Tetsutani starb, als die Bombe fiel. Sollen auch Bilder von menschlichem Leid dazu? Die Meinungen im Expertengremium gehen auseinander. Mitglied Shingo Naito, 86, ein Überlebender der Atombombe, sagt laut der Lokalzeitung Chugoku Shimbun: „Nur wenn man die grausamen Szenen vermittelt, kann man die Tragödie der Atomwaffen verstehen.“ Die Psychologie-Professorin Yuka Kamite erwidert: „Manche Kinder sind sensibel. Es wäre besser, einen Raum abzustecken, in dem sie sich sicher fühlen können.“

Das nächste Treffen der Fachleute findet im Oktober statt. Insgesamt sind sechs Sitzungen bis 2026 vorgesehen. 2028 sollen die ersten Spezialtouren für Grundschüler durch das Friedensmuseum führen. Es gibt noch viel zu tun. Aber irgendwie spürt man schon: Ein Ort für Vierjährige wird auch die geplante Kinderausstellung nicht.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes ist der Eindruck entstanden, der Botschafter Georgiens in Japan, Teimuraz Lezhava, sei mit seinem Kind erst kürzlich in Hiroshima im Museum gewesen. Tatsächlich fand der Besuch bereits 2024 statt. Wie haben die Ungenauigkeit korrigiert und den Text ergänzt.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

ExklusivMeta und der Umgang mit Sanktionen
:RT- und Sputnik-Seiten blieben trotz EU-Sanktionen „Partner“ von Facebook

Propaganda und Desinformation, dafür sind die russischen Staatssender bekannt, deshalb hat die EU sie mit Sanktionen belegt. Hat Meta RT und Sputnik dennoch an Werbeeinnahmen beteiligt?

SZ PlusVon Natalie Sablowski

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: