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Friedensgutachten 2020:Forscher: Corona-Krise verschärft Konflikte weltweit

Flüchtlinge auf Lesbos - Fotostory Ein Flüchtig trägt am 29.02.2016 in der Naehe von Mytilini, Griechenland sein Kind a

Ein Geflüchteter trägt sein Kind in der Nähe von Mytilini, Griechenland. (Archivbild)

(Foto: imago images/Markus Heine)

In vielen Regionen setzen sich Kriege ungebremst fort. Friedensverhandlungen seien hingegen wegen der Corona-Krise zum Erliegen gekommen, heißt es im Friedensgutachten.

Die Corona-Krise verschärft aktuelle Konflikte weltweit dramatisch, warnen die Wissenschaftler von vier deutschen Forschungsinstituten. Die Bundesregierung müsse sich deshalb intensiv für die friedliche Überwindung von Gewaltkonflikten einsetzen, forderte der Friedensforscher Conrad Schetter vom Bonn International Center for Conversion (BICC) bei der Vorstellung des jährlich erscheinenden Friedensgutachtens in Berlin.

Besonders in fragilen Weltregionen drohen andernfalls "sozioökonomische Verwerfungen und politische Unruhen", heißt es in dem Bericht. Ein Beispiel sei der Bürgerkrieg in Syrien. In der Region Idlib sind nach massiven Angriffen zahlreiche Menschen geflohen. Gleichzeitig aber seien humanitäre Intiativen, wie die Aufnahme von geflüchteten Kindern aus den griechischen Lagern, ausgesetzt worden.

In Idlib, aber auch in Jemen und im Südsudan, seien die Menschen dem Virus schutzlos ausgeliefert. Dort werde "nicht getestet oder behandelt, nur weiterverbreitet und gestorben". Die Forscher unterstützen deshalb den Aufruf des UN-Generalsekretärs António Guterres zu einem globalen Waffenstillstand. Auch in Afghanistan, Mali oder am Tschadsee setzen sich die Konflikte ungebremst fort. Dschihadisten und lokale Milizen seien auf dem Vormarsch, während Militär und Polizei sich zurückzögen, sagte Schetter bei der Pressekonferenz. Die Folge seien neue dramatische Fluchtbewegungen. Friedensverhandlungen seien wegen der Corona-Krise zum Erliegen gekommen. "Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den globalen Frieden sind alarmierend", sagte Schetter.

Auch andere Themen müssen im Blick behalten werden

Krisenregionen, die von der Corona-Pandemie betroffen sind, sollten deswegen dem Gutachten zufolge massiv und unbürokratisch unterstützt werden. Die Bundesregierung solle sich intensiver für globale Lösungen einsetzen. "Ausgerechnet der Kampf gegen ein Virus, das sich mit ungeheurer Geschwindigkeit über den ganzen Globus verbreitet, wird vor allem mit den Mitteln nationaler Politik geführt", heißt es in dem Report.

Aber auch andere wichtige Themen dürften nicht aus den Augen verloren werden. Die Forscher legen in ihrem 164-Seiten langen Gutachten ihren Fokus neben bewaffneten Konflikten auf die Herausforderungen des Klimawandels, Protestbewegungen, ein drohendes Wettrüsten im Cyberraum und Rechtsterrorismus.

Der Klimawandel etwa bleibe eine der großen Herausforderungen, weil er "in vielen Regionen die Lebensbedingungen beeinträchtigt, das Konfliktrisiko steigert und nachhaltige Friedenssicherung erschwert". Die Corona-Krise bietet nun aber auch die Chance für Europa, eine entschiedene Klimapolitik durchzusetzen.

Im Rechtsterrorismus sehen die Forscher mittlerweile eine globale Gefahr. Der islamistische Terror ist zwar noch immer für die meisten Todesopfer verantwortlich. Während der Terrorismus insgesamt weltweit gesehen tendenziell zurückgeht, beobachten die Forscher bei rechter Gewalt einen gegenläufigen Trend. Zudem vernetzten sich Rechtsextreme zunehmend länderübergreifend. Auch der innergesellschaftliche Frieden sei in Gefahr. Das zeigten die jüngsten Ereignisse nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz in der US-Stadt Minneapolis.

An dem jährlichen Friedensgutachten, das seit 1987 erscheint, sind die Friedensforschungsinstitute BICC, das Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg sowie das Institut für Entwicklung und Frieden der Universität Duisburg-Essen beteiligt.

© SZ.de/cck/epd/KNA/saul
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