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Friedensbemühungen im Nahostkonflikt:90 Minuten bis zum Scheitern

Smoke rises following what witnesses said were Israeli air strikes in Rafah in the southern Gaza Strip

Schon kurz nach Inkrafttreten der Waffenruhe steigt über Rafah im südlichen Gazastreifen wieder Rauch auf.

(Foto: REUTERS)

Es sah nach einem greifbaren Fortschritt aus, als US-Außenminister Kerry eine Feuerpause zwischen Israel und der Hamas verkündete. Tatsächlich war es nicht einmal eine Atempause.

Aus sicherer Entfernung hat John Kerry dieses Mal die Feuerpause verkündet. Der US-Außenminister weilte im fernen Indien, als er in der Nacht zum Freitag für den Nahen Osten eine gute Nachricht präsentierte: eine Vereinbarung über eine 72-stündige "bedingungslose humanitäre Waffenruhe". Das klang nach Durchbruch, doch schon im selben Atemzug dämpfte er die Hoffnungen: "Dies ist nicht die Zeit zum Gratulieren", schränkte er ein, denn von Rückschlägen versteht er mittlerweile etwas.

Heftige Gefechte, die aus dem Kriegsgebiet bereits am Morgen wieder gemeldet wurden, haben seine Vorsicht furchtbar schnell bestätigt. Die mutmaßliche Entführung eines israelischen Soldaten lässt sogar befürchten, dass die Kämpfe nun noch neu befeuert werden. Der Chronik der gescheiterten Friedensbemühungen muss schon wieder ein Kapitel hinzugefügt werden.

Bereits um 9.30 Uhr, also nur neunzig Minuten nach dem vereinbarten Beginn der Waffenruhe, kam es nach israelischen Angaben zu dem Vorfall, der alle Pläne vom Tisch fegte. In der Nähe von Rafah im südlichen Gazastreifen sollen sich Soldaten darangemacht haben, einen Tunnel zu zerstören. Dies war nicht verboten nach der Vereinbarungen, doch im Tunnel steckten offenbar noch Kämpfer der Hamas. Es kam sofort zum Gefecht, ein palästinensischer Selbstmordattentäter soll sich in die Luft gesprengt haben, zwei israelische Soldaten wurden getötet, und einer wird seither vermisst. Stunden später gab ein Armeesprecher bekannt, dass er vermutlich von militanten Palästinensern gefangen genommen worden sei.

Entführung weckt ein altes Trauma

Bald darauf wurde auch sein Name bekannt: Hadar Goldin. 23 Jahre ist er alt, er stammt aus Kfar Saba in der Nähe von Tel Aviv. Am Schicksal dieses jungen Offiziers wird nun vieles hängen. Denn eine Entführung ist für Israels Armee ein Horrorszenario, und in Israels Gesellschaft weckt sie ein altes Trauma: 2006 war der Soldat Gilad Schalit durch einen Tunnel in den Gazastreifen verschleppt worden. Nach fünf Jahren Geiselhaft musste er gegen mehr als tausend palästinensische Gefangene ausgetauscht werden. Einen solchen Triumph wird die Regierung in Jerusalem den Palästinensern nicht noch einmal gönnen wollen. "Israel wird die Aggression der Hamas und anderer Terror-Organisationen im Gazastreifen mit harten Maßnahmen beantworten", erklärte General Joav Mordechai. Doch wenn sich die Entführung zweifelsfrei bestätigt, haben die Islamisten nun ein neues, starkes Druckmittel in der Hand.

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Diese Entführung war es auch, die in Israel alle Alarmglocken schrillen ließ. Schon bevor die Öffentlichkeit davon erfuhr, hatte es aus dem Büro des Premierministers ohne nähere Erklärung geheißen, es gebe eine "schamlose Verletzung der Waffenruhe". Und in Rafah entzündeten sich sofort heftige Gefechte am Boden, bei denen nach Angaben aus dem dortigen Krankenhaus 50 Menschen getötet wurden. Schnell heulten dann auch in Israels Süden wieder die Luftalarmsirenen, als radikale Palästinensergruppen Mörsergranaten und Raketen abfeuerten. Es war noch nicht einmal Mittag, da berichtete die Zeitung Haaretz schon, Israels Regierung habe den UN-Nahostbeauftragten Robert Serry offiziell davon in Kenntnis gesetzt, dass die Vereinbarung zur Waffenruhe nicht mehr gelte.