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Proteste:Die Weltrettung und ihre Nebenkosten

´Fridays for Future" - Berlin

Auch Luisa Neubauer (Mitte), Vorzeige-Aktivistin von "Fridays for Future", warb für das geplante Großevent im Berliner Olympiastadion.

(Foto: Carsten Koall/dpa)
  • Bei einem Großevent im Berliner Olympiastadion soll es um Klimaschutz gehen, aber auch um soziale Gerechtigkeit, Rassismus und die Demokratie.
  • An dem Eintrittspreis von 29,90 Euro gibt es große Kritik. "Wir finden es sehr unpassend, demokratische Beteiligung zu verkaufen", sagt eine Aktivistin.
  • Dahinter steht die Frage, ob man das bestehende System und dessen Mittel nutzen darf, um die eigenen Ziele zu verfolgen.

Mit Plänen ist es so eine Sache. "So stellt man sich das vor", sagt Katharina Gail und zeichnet einen Punkt auf ein Blatt: die Idee. Dann eine gerade Linie zu einem anderen Punkt: die Umsetzung, das Ziel. "Und so ist es in Wirklichkeit", sagt die Wirtschaftsjournalistin und malt eine verworrene Schlangenlinie auf das Papier. Die Idee, von der sie in einer Kreuzberger Fabriketage spricht, ist einigermaßen größenwahnsinnig - und hat unter Aktivisten von Fridays for Future einen heftigen Streit ausgelöst.

Am 12. Juni sollen 90 000 Menschen im Berliner Olympiastadion zusammenkommen, Vorträge von Experten hören, feiern und auf ihren Smartphones zahlreiche Petitionen zeichnen, die online in einem basisdemokratischen Prozess vorbereitet wurden. 29,95 Euro kostet ein Ticket für die Veranstaltung, etwas mehr als zwei Millionen Euro haben die Organisatoren, zu denen Katharina Gail gehört, auf der Crowdfunding-Plattform Startnext dafür eingesammelt.

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Die Versammlung, zu der bis zu 90 000 Menschen kommen sollen, steht in der Kritik. Wir haben mit vier Aktivistinnen darüber gesprochen.

Moderatorin Charlotte Roche schwärmt im Kampagnenvideo von der "geballten Power des geilsten Systems der Demokratie" und Klima-Aktivistin Luisa Neubauer lockt mit: "So billig war die Weltrettung noch nie". Es soll auf der Veranstaltung um Klimaschutz gehen, aber auch um soziale Gerechtigkeit, Rassismus, die Demokratie. Die Initiatoren nennen sie die "größte Bürger*innenversammlung aller Zeiten". Im Video heißt es: "Gesetze werden geändert, und die Welt guckt uns zu."

Für die Klimaaktivisten gab es viel Aufmerksamkeit. Nicht zufrieden sind sie mit den politischen Folgen

Die Idee fällt in eine Zeit, in der sich viele Klimaaktivistinnen und -aktivisten fragen: Wie soll es weitergehen mit unserem Protest? Für den haben sie zwar enorme Aufmerksamkeit bekommen. Doch mit den politischen Folgen sind sie unzufrieden. Die Vorstellungen darüber, wie das zu ändern ist, sind aber offensichtlich unterschiedlich.

Rike Meyer von der Ortsgruppe Fridays for Future in Frankfurt erzählt am Telefon, wie sehr sie sich geärgert hat, dass Fridays for Future als Unterstützer auf der Kampagnenseite für die Veranstaltung im Olympiastadion stand. Denn die Ortsgruppen arbeiten autonom, die Frankfurter verstehen sich als antikapitalistisch. "Wir finden es sehr unpassend, demokratische Beteiligung zu verkaufen", sagt Rike Meyer, von einer Versammlung für Bürgerinnen und Bürger könne bei einem Event mit Eintrittspreis nicht die Rede sein.

Zudem erwecke die Kampagne den Eindruck, dass politische Veränderung einfach zu haben sei: Einmal eine Petition gezeichnet - schon passiert. Dabei würden selbst erfolgreiche Petitionen in der Regel eben keine Gesetze. Sie dienten dem Bundestag höchstens als Anregung. "Die Kampagne diskreditiert andere Formen des Engagements, die wir viel wichtiger finden", sagt Rike Meyer. "Wir gehen immerhin seit Monaten auf die Straße, üben uns in zivilem Ungehorsam und streiken."

Streit um Aussage zu Nazis

Noch an dem Tag, als die Kampagne online ging, distanzierten sich die Frankfurter, andere folgten. Auch danach gab es noch Kritik. Zum Beispiel dafür, dass die Veranstalter nicht die Namen von elf Großspendern veröffentlicht haben, die je 1000 Soli-Tickets für die Veranstaltung im Olympiastadion gekauft und so maßgeblich zum Erfolg der Kampagne beigetragen haben. Das sei jedoch eine bewusste Entscheidung, sagt Katharina Gail: "Es soll rund um die Veranstaltung keinerlei Werbung für Unternehmen, Parteien oder andere Lobbygruppen geben."

Und in einem Videointerview mit dem Journalisten Tilo Jung antwortete Mitinitiator Philip Siefer auf die Frage, ob wirklich alle bei der Veranstaltung willkommen seien, also zum Beispiel auch Nazis: Wenn sie konstruktiv an der Lösung der Probleme mitarbeiten wollten - warum nicht? Dafür entschuldigte er sich hinterher öffentlich in einem schriftlichen Statement. Mit der Süddeutschen Zeitung wollte er darüber nicht sprechen.

Ein großer Fehler sei diese Aussage gewesen, findet Thomas Loew von Scientists for Future: "Rassismus hat bei uns keinen Platz." Trotzdem unterstützen die Scientists for Future die Veranstaltung im Olympiastadion. Das Gefühl, dass sich in der Politik trotz aller Proteste, trotz aller Streiks nichts verändere, drohe die Bewegung zu lähmen, sagt Loew. Da brauche es neue Formen des Engagements. "Die Initiatoren bringen neue Ideen, einen neuen Ton mit."

"Unfuck the economy" nennen die Initiatoren ihr Konzept: die Welt retten - und Geld verdienen

Hinter der Kampagne stehen Waldemar Zeiler und eben jener Philip Siefer, die Gründer der Berliner Kondommarke "Einhorn". Sie verbanden ihre Idee von veganen, ökologisch und fair hergestellten Kondomen und Menstruationsprodukten von Anfang an mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen. Einige Aufmerksamkeit erhielten sie zum Beispiel dafür, dass sie in ihrem Unternehmen alle Hierarchien abschafften, seitdem gemeinschaftlich über Gehälter und Arbeitszeit entscheiden. Anfang vergangenen Jahres sammelten sie Unterschriften dafür, die Mehrwertsteuer auf Tampons oder Binden von 19 auf sieben Prozent zu senken.

"Unfuck the economy" nennen sie ihr Konzept, mit dem sie höchst erfolgreich durch die Start-up-Szene touren: Kapitalismus, aber anders. Der wirtschaftliche Erfolg, die Aufmerksamkeit sollen nicht nur dem eigenen Geldbeutel dienen, sondern der Weltrettung. "Einhorn" hat für das Olympiastadion-Projekt einige Mitarbeiter freigestellt, Büroräume zur Kampagnenzentrale umfunktioniert - jene Fabriketage, in der heute Katharina Gail zwischen Kartonstapeln und Flipcharts Journalisten empfängt. Dutzende freiwillige Helfer unterstützen die Veranstaltung, die Initiatoren haben aber auch eine professionelle Eventagentur beauftragt.

Der Konflikt ereilt die meisten linken Bewegungen

Die Kritik sei angekommen, beteuern sie: Von einer Versammlung für Bürgerinnen und Bürger ist nicht mehr die Rede - auch wenn sich die Veranstalter weiter darum bemühten, auch weniger privilegierte Menschen einzubeziehen, sagt Katharina Gail: "Etwas mehr als 40 Prozent der Tickets sind Soli-Tickets, die Leute für Interessierte gespendet haben, die kein Ticket gekauft haben - etwa weil sie sich den Eintritt nicht leisten können." Auch gehe es nicht nur darum, am 12. Juni Petitionen abzunicken. Auf dem Gelände soll es Workshops, Parcours und Begegnungsstätten geben. Die Initiatoren wollen Initiativen, Experten und Aktivisten eine Bühne und die Möglichkeit zum Dialog bieten.

Rike Meyer hingegen sagt: "Gewinnorientierte Firmen und Aktivismus, das passt für mich nicht zusammen. Denn letztlich sind sie doch von ihren wirtschaftlichen Zielen getrieben." Die Kampagne zur Tamponsteuer sei da übrigens ein gutes Beispiel: "Das betrifft ja die Produkte von Einhorn." Das Event im Olympiastadion sei jetzt schon Werbung für die Unternehmer.

Der Konflikt, der dahintersteht, ist einer, wie er die meisten politischen Bewegungen, zumal die links der Mitte, eines Tages ereilt. Für die einen geht es darum, im bestehenden System und mit dessen Mitteln die eigenen Ziele zu verfolgen. Für die anderen gibt es kein richtiges Leben im falschen. Dazwischen ist nicht viel Platz.

© SZ vom 20.01.2020/saul
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