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Klimaprotest:Wie an "Fridays for Future" die Fliehkräfte zerren

Der Klimakongress in Dortmund Anfang August hat dazu beigetragen, den Schwung des ersten Halbjahres zu bewahren.

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Während in Berlin das Klimakabinett tagt, will die "Fridays for Future"-Bewegung am 20. September den deutschen Politikern Beine machen. Manchen Aktivisten ist der Kurs zu radikal.

Für eine Bewegung, die aus einem Schulstreik entstanden ist, sind die Sommerferien eine heikle Zeit. Wer nicht in die Schule muss, kann ihr auch nicht aus Protest fernbleiben, und von Juni bis September hat fast immer mindestens ein Bundesland frei.

Eine lange Zeit also, um nicht nur den Schwung zu behalten, der die "Fridays for Future" durchs erste Halbjahr trug, sondern auch die Aufmerksamkeit für ihr Anliegen: den Klimaschutz.

Jetzt, da die Ferien überall zu Ende sind, steht die Bewegung vor zwei Fragen: Wird es ihr wieder gelingen, Woche für Woche Tausende junge Leute auf die Straße zu bringen? Und reicht das überhaupt noch, um gehört zu werden?

Die Ferien sind vorbei - "Das Interesse ist noch genauso da", stellt ein Aktivist fest

Wer bei "Fridays for Future" um einen Gesprächspartner bittet, muss damit rechnen, im Inneren der Bewegung gewisse Unruhe auszulösen. Die Frage, wer den Klimaschützern Gesicht und Stimme leiht, ist sensibel.

Die große Präsenz einzelner Aktivisten - vor allem Luisa Neubauers - stört viele in der Bewegung, die sich als basisdemokratisch und hierarchiefrei versteht. Damit es gerecht zugeht, verteilt ein Presseteam die Anfragen. Einen demokratisch legitimierten Bundesvorstand hat "Fridays for Future" nicht.

"Die Frage wird bei uns nicht heißer diskutiert als in anderen Bewegungen", versichert Linus Steinmetz, den das Presseteam vermittelt hat. Je nach Anfrage werde ausgewählt, und der 15-jährige Gymnasiast aus Göttingen beschäftigt sich sowohl mit strategischen Fragen als auch mit der Planung für den nächsten großen Aufschlag: den 20. September.

Während in Berlin das Klimakabinett tagt und in New York der nächste UN-Gipfel vorbereitet wird, soll den Politikern der größte Klimastreik aller Zeiten Beine machen, so die Hoffnung. Nicht nur die junge Generation ist zum Streik aufgerufen, sondern alle.

"Maximalen Druck" wollen sie machen, sagt Steinmetz; er ist optimistisch, dass das gelingt. Viele Ortsgruppen hätten in den Ferien einfach weiter gestreikt, der Sommerkongress in Dortmund sei "überraschend erfolgreich" gewesen, die ersten Streiks nach dem Sommer seien verheißungsvoll verlaufen. In Göttingen etwa hätten mehr Leute demonstriert als vorher. "Das Interesse ist noch genauso da", sagt Steinmetz. Und die Sommerpause habe sogar einen "Riesenvorteil": Ins neue Schuljahr starten alle wieder mit null Fehltagen.

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Als sie vor einigen Stunden in der "Daily Show" von Trevor Noah zu Gast war, lachte das Publikum trotzdem wie gewohnt. Nur diesmal über Fakten, die nicht komisch sind.

Doch so zuversichtlich Steinmetz ist, dass die Bewegung gut über den Sommer gekommen ist, so skeptisch stimmt ihn die Bundesregierung. Union und SPD haben zwar betont, wie ernst sie es meinen mit dem Klimaschutz, aber an die weitreichenden Forderungen von "Fridays for Future" - Kohleausstieg bis 2030 etwa oder komplette Umstellung auf erneuerbare Energie bis 2035 - reichen selbst ihre kühnsten Ideen nicht heran. Das Klimakabinett droht den Aktivisten die nächste Enttäuschung zu bescheren. Und dann?

"Es ist klar, dass sich das Frustrationsniveau in der Bewegung erhöht", sagt Steinmetz. "Ich verstehe jede Person, die sagt, wir müssen den Druck erhöhen." Nur wie? Die Frage, berichten viele, treibt die Bewegung um. Beachtung und Sympathien, das wissen die jungen Aktivisten genau, verdanken sie auch der milden Form zivilen Ungehorsams, auf die sie sich bislang weitgehend beschränken: dem Schulstreik.

Andere Aktionen wie etwa die "Die-ins", eine Art kollektiver Scheintod, sind drastischer, könnten aber genau deshalb Unterstützer verschrecken. Es ist ein Dilemma, das noch wachsen dürfte. Denn der Frust über die Politik droht jene Fliehkräfte zu verstärken, die schon jetzt mancherorts an der Bewegung zerren. Zum Beispiel in Aachen.

"Irgendwann war der Punkt erreicht, wo ich gemerkt habe: Das wird hier zu radikal"

Anna Moors, 17, kommt aus Herzogenrath und hat sich im Januar "Fridays for Future" in Aachen angeschlossen. Im Sommer hat sie die Gruppe wieder verlassen. Moors verhehlt nicht, dass es auch um Persönliches ging. In erster Linie aber, sagt sie, ging es um Politisches: die Richtung, in die sich die Ortsgruppe Aachen bewege. "Irgendwann war der Punkt erreicht, wo ich gemerkt habe: Das wird hier zu radikal."

Moors ist ein Teenager, wie man sie unter den Klimaaktivisten oft antrifft: sehr eloquent, sehr ernsthaft. Mit 13 wurde sie Vegetarierin, nicht nur der Tiere, sondern auch des CO₂-Abdrucks wegen. Politisch stehe sie "Mitte-links", im Mai trat sie der SPD bei. Im Juli rief der Stadtrat von Herzogenrath den Klimanotstand aus - auf Antrag von Moors.

Von "Fridays for Future" aber hatte sie sich da nach anfänglicher Begeisterung schon abgewandt. Ihr Vorwurf: Während die Demonstranten in Aachen politisch "sehr gemäßigt" seien, habe eine kleine Gruppe die Organisation an sich gerissen und die Ortsgruppe auf einen radikalen Kurs gelenkt - und dabei gegen eigene Grundsätze verstoßen.

Aachen hat sich ungewöhnlich klar antifaschistisch und kapitalismuskritisch positioniert. "Eine Überwindung der Klimakatastrophe", hat die Ortsgruppe geschrieben, sei "in einem System von Ausbeutung und Profitmaximierung nicht möglich". Ende Juli verkündete sie per Twitter: "Der Kampf gegen die Klimakrise ist und bleibt auch ein Kampf gegen den Faschismus. Und deswegen: #IchBinAntifa oder besser gesagt: #WirSindAntifa."

Nach anfänglicher Begeisterung hat Anna Moors, 17, die "Fridays for Future"-Ortsgruppe Aachen verlassen. Sie wurde ihr zu radikal. Nun will sie mit "Youth for Climate" mobilisieren.

(Foto: oh)

Doch in beiden Fällen, sagt Moors, sei die Haltung keineswegs Konsens, obwohl das eigentlich für Entscheidungen notwendig sei. Das Selbstverständnis sei verabredet worden, als Kritiker, darunter sie selbst, im Urlaub waren - ein Vorwurf, den andere aus dem Umfeld der Ortsgruppe bestätigen.

Auch gegen den "#WirSindAntifa"-Tweet gab es ein Veto, aber nach massivem Gegenwind zog der Skeptiker das Veto zurück. Auch sie sei gegen Faschismus, sagt Moors. Doch den Tweet fand sie "wenig zielführend".

Werden andere Meinungen also in Aachen unterdrückt, wie Moors beklagt? Das bestreitet eine Sprecherin der Organisatoren in Aachen. Doch sie bestätigt, dass die Debatte zum Thema Kapitalismus "Gesprächsbedarf" erzeugt habe. Eine Aussprache soll es Ende September geben. Anna Moors wird daran nicht mehr teilnehmen.

Sie will in Aachen künftig unter dem Namen "Youth for Climate" mobilisieren - erstmals am 21. September. Alles sei möglich, sagt Moors: ein Erfolg, ein Fiasko. Das Risiko gehe sie ein. "Ich bin der Ansicht, dass die Welt nicht nur schwarz und weiß ist, sondern viele Grautöne hat, und dass man differenzieren muss, vor allem in der Politik. Wenn es zu parolenhaft wird, zu simplifizierend, dann wird es gefährlich."

Ist ihr Austritt mehr als ein Einzelfall? Einerseits ja: Die politische Selbstverortung ist Thema vieler Diskussionen in der Bewegung. Im Sommer etwa gab es einen offenen Brief, angeblich aus Köln, in dem Personenkult, Intransparenz und das Ausgrenzen antikapitalistischer Positionen durch die Bundesebene beklagt wurden. Andererseits: Aachen und Köln sind zwei von mehr als 500 Ortsgruppen.

Das Vertrauen in die institutionalisierte Demokratie sei unter den "Fridays for Future"-Mitstreitern ausgeprägt - noch

Die Bandbreite an Positionen und Debatten ist groß - und normal für eine junge Bewegung, sagt Moritz Sommer vom Berliner Institut für Protest- und Bewegungsforschung. Das Vertrauen in die institutionalisierte Demokratie, betont er, sei unter den "Fridays for Future"-Mitstreitern sehr ausgeprägt.

Dass das so bleibt, liege in der Verantwortung der Politik, sagt Linus Steinmetz. Sie müsse handeln - und zeigen, "dass politisches Engagement sich auszahlt". Es wäre traurig, sagt er, wenn diese "enthusiastische und positive Generation" am Ende das Gefühl hätte, dass sie mit ihrem Protest nichts bewegen kann.

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