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"Fridays for Future":Der Erfolg hat auch Wachstumsschmerzen verursacht

Andererseits ist dem Klima nicht geholfen, nur weil alle drüber reden. Das nächste große Ziel der Bewegung ist deshalb der 20. September. Da tagt das Klimakabinett in Berlin - und Fridays for Future hat zum Generalstreik aufgerufen. Alle sollen dann auf die Straße gehen, nicht nur die Jungen. Jetzt, sechs Wochen vorher, soll der Kongress auch eine Chance zum Durchatmen sein, bevor es weitergeht. "Jede Woche auf die Straße gehen kann zu Resignation führen", sagt Reemtsma. "Wir sind auch hier, um die Motivation hoch zu halten."

Um die 600 Ortsgruppen hat Fridays for Future heute und viele Unterstützer. Es gibt Parents for Future, Scientists for Future, Doctors for Future und jede Menge Prominente for Future. Zur Eröffnung des Kongresses kamen die TV-Moderatoren Joko Winterscheidt und Eckart von Hirschhausen. Angela Merkel hat abgesagt.

Doch der Erfolg hat auch Wachstumsschmerzen verursacht. Ein kleineres Problem sind die Parteien, die sich vom Auftrieb für die Bewegung gerne ein Stück nach oben tragen lassen würden; die Marxistisch-Leninistische Partei etwa müssen sich die Aktivisten auf der Freitagsdemo in Dortmund regelrecht vom Leib halten. Die größere Frage lautet: Kann die Bewegung noch Bewegung bleiben? Oder braucht sie so etwas wie eine Strukturreform, um ihr Wachstum aufzufangen? Bislang stimmen alle über alles ab. Das ist schön, aber es dauert, selbst bei dringenden Entscheidungen mindestens 48 Stunden. Die Bewegung droht unbeweglich zu werden.

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Dazu kommt, dass trotz flacher Hierarchien einige Aktivisten längst ein bisschen gleicher sind als die anderen. Die Prominenz vor allem von Luisa Neubauer, die in Talkshows auftritt und von FDP-Chef Christian Lindner zum Rededuell geladen wird, missfällt einigen, auch hier in Dortmund. Andererseits betonen viele, mit denen man darüber spricht, dass es ohne bekannte Gesichter auch nicht gehe, wolle man die Aufmerksamkeit hoch halten. Luisa Neubauer jedenfalls sieht man hier am Morgen nicht auf der Bühne, sondern beim Kaffeeausschenken.

Reibereien, sagt Jakob Blasel, selbst eines der bekannteren Gesichter, habe es bei den "Fridays" von Anfang an gegeben. Normal. Ein einziges Mal habe ihn jemand in einer Telefonkonferenz persönlich verletzt. Er gibt sich gelassen: Die Struktur beschäftige alle anderen deutlich mehr als sie selbst. Blasel, 19, kommt aus Kiel, im Sommer hat er Abitur gemacht. In Dortmund hat er den Kongress mitvorbereitet. Ihr Budget: 200 000 Euro, aus Spenden, Teilnahmegebühren und von einer Stiftung. Auf einer Tour durchs Camp präsentiert Blasel die Ausstattung. Die Komposttoiletten kommen ohne Wasser aus, die Handyladestation läuft mit Ökostrom.

Die meisten Teilnehmer seien zwischen 16 und 19 und kämen aus ganz Deutschland, betont er, nicht nur aus Köln oder Berlin. Wir sind vielfältig, ist die Botschaft, und regional mag das stimmen. Sozial aber stimmt es nicht. Die "Fridays" sind größtenteils eine Bewegung von Gymnasiasten, ehemaligen oder aktuellen. "Die Beobachtung ist richtig", sagt Blasel, "der Vorwurf nicht." Deutschland sei ein Land, in dem politisches Engagement ein Privileg sei. Wer sich Nachhilfe nicht leisten könne, könne sich womöglich auch keinen Schulstreik erlauben. Für die Zukunft könnte diese Erklärung zu wenig sein. Es mehren sich die Stimmen derer, die warnen, die weniger Begüterten im Namen des Klimas vom Fliegen und Autofahren auszuschließen. Deren Perspektive aber fehlt auch Fridays for Future weitgehend.

Blasel macht sich um die Zukunft keine Sorgen. Zu den Freitagsdemos seien auch im Sommer 20 000 bis 30 000 Leute gekommen, andere Bewegungen könnten davon nur träumen. "Vor ein paar Monaten", sagt er, "war ich sicher: Die Bewegung ist nach den Sommerferien tot. Jetzt bin ich sicher: Wir haben gerade erst angefangen."

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