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Fremden­­legion:Ziemlich schweres Marschgepäck

Militärparade in Paris

Zum Nationalfeiertag am 14. Juli paradieren jedes Jahr auch die Fremdenlegionäre durch Paris.

(Foto: dpa)

Eckard Michels zeigt, wie die französische Eliteeinheit noch immer und trotz aller Reform­versuche mit ihrer unseligen Tradition kämpft.

Rezension von Clemens Klünemann

Die letzte der zahlreichen Illustrationen in diesem ausführlichen Buch über die Fremdenlegion zeigt ein Anwerbeplakat aus dem Januar 2020: Mit den Worten "Teile unsere Werte" wird um Nachwuchs geworben, und um gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen, um welche Werte es sich handelt, sind sie gleich neben einem Foto von Legionären mit dem typischen Käppi der Legionäre aufgeführt.

Außer Zusammenhalt, Familie und Brüderlichkeit wird dort auch eine "zweite Chance" geboten, was die Mitgliedschaft in der Légion Étrangère zu so etwas wie einer Bewährungsprobe in doppelter Bedeutung macht - auch wenn die Motive derer, die heute zur Fremdenlegion gehen, oft ganz andere sind als noch zu Ernst Jüngers Zeiten oder gar in den Anfangsjahren des 19. Jahrhunderts: "Der Eintritt in die Legion ist heutzutage eher eine überlegte Entscheidung reiferer, besser vorqualifizierter, physisch leistungsfähiger Männer", schreibt Eckard Michels gegen Ende seiner Studie und revidiert das Bild der Legion, die lange Zeit nicht nur als zweite, sondern als letzte Chance gestrauchelter Existenzen galt: "Der Legionär des 21. Jahrhunderts ist in wesentlich stärkerem Maße als vor 1962 ein militärischer Spezialist, in den der französische Staat viel Zeit und Geld für Auswahl, Ausbildung, Ausrüstung, und Unterhalt investiert."

Vor 1962 - diese Zäsur zeigt, wie eng die Geschichte der Fremdenlegion seit ihrer Gründung im März 1831 mit der Kolonialgeschichte Frankreichs verbunden ist, vor allem mit der gemeinsamen und schmerzlichen Geschichte Frankreichs und Algeriens, die 1827 mit der berühmt-berüchtigten Demütigung des französischen Konsuls durch den Dey von Algier begann und auch durch die algerische Unabhängigkeit seit dem März 1962 noch längst nicht beendet ist.

Anfang der 1960er Jahre stand Frankreich - mal wieder - am Rande eines Bürgerkriegs, denn die Entkolonialisierung Algeriens, das der sozialistische Innenminister und spätere Präsident François Mitterrand noch wenige Jahre zuvor trotzig als Teil Frankreich bezeichnet hatte, machte einen tiefen Riss durch die französische Gesellschaft deutlich, der eben nicht so einfach mit den Kriterien links und rechts zu deuten ist.

Michels lässt keinen Zweifel daran, dass dieser Riss auch durch die Fremdenlegion ging, die sich entgegen mancher Darstellung keinesfalls geschlossen auf die Seite der gegen de Gaulle putschenden Generäle stellte.

Die Truppe wurde nach dem Sturz Napoleons gegründet

Akribisch zeichnet Michels die Geschichte der Fremdenlegion nach und charakterisiert sie als eine Institution, die sich immer als verlängerter Arm der jeweiligen Regierung Frankreichs verstand und nicht einer bestimmten Regierungsform oder politischen Doktrin.

Allerdings - und das erstaunt angesichts des lange gepflegten Renommees einer Söldnertruppe von Haudegen - liegen die Wurzeln der Legion in der Revolutionszeit und der Idee, dass Frankreich mit der Aufgabe einer universellen Sendung betraut sei - nämlich der Durchsetzung der Menschenrechte.

Nach dem Sturz Napoleons suchte man nach einem Auffangbecken für all jene ausländischen Soldaten, die voller Begeisterung in den Revolutionskriegen für die Sache Frankreichs und später für den bewunderten Kaiser der Franzosen gekämpft hatten; gleichzeitig wollten die wieder an die Macht gekommenen Bourbonen eben diesen revolutionär gesonnenen Heißspornen keine eigene Institution bieten, weshalb es bis zur Herrschaft des Bürgerkönigs Louis-Philippe dauern sollte, bevor dann die entsprechende Truppe unter dem Namen Légion Étrangère gegründet wurde und mit der neuen Kolonie Algerien eine erstes Betätigungsfeld bekam.

Eckard Michels: Fremdenlegion. Geschichte und Gegenwart einer einzigartigen militärischen Organisation. Herder-Verlag, Freiburg 2020. 463 Seiten, 40 Euro. E-Book: 31,99 Euro.

Zu einem ersten Einsatz der Legion auf französischem Boden kam es im Krieg von 1870/81 gegen Bismarcks Invasionstruppen; als die Regierung von Adolphe Thiers sie dann aber auch gegen die Revolutionäre der Pariser Commune einsetzte, verstieß sie klar gegen die Statuten, die besagten, dass die Fremdenlegion nicht bei innerfranzösischen Konflikten kämpfen dürfe.

Diese Entwicklung schildert Michel in seinem ersten Kapitel unter der Überschrift "Unsichere Anfänge: Die Gründungsjahrzehnte (1831-1871)", während er insbesondere im zweiten Kapitel unter dem Titel "Kolonialer Stoßtrupp und deutsch-französisches Streitobjekt (1871-1914)" sowie in den drei folgenden Kapiteln ("Bewährungsprobe: Im Ersten Weltkrieg", "Neue Herausforderungen: Die Zwischenkriegszeit" sowie "Gespaltenes Frankreich, gespaltene Legion.

Im Zweiten Weltkrieg") die Verwerfungen nachzeichnet, die sich während der drei deutsch-französischen Kriege innerhalb von 70 Jahren eben daraus ergaben, dass nicht wenige Deutsche unter der Flagge der Legion gegen ihr eigenes Land kämpften: Manche aus Überzeugung, andere, weil sie keine Wahl hatten, und schließlich auch die, welche ihre Entscheidung bereuten und nun den französischen Regierenden als unsichere Kantonisten galten. In diesem Kontext zeigt Michels, dass im Licht einer Geschichte der Fremdenlegion in den 1940er Jahren ganz neue Facetten des Begriffs der "Collaboration" zu entdecken sind.

Die "Kultur der Aufschneiderei" war und ist weit verbreitet

Mit der Rolle der Fremdenlegion in den "imperialen Rückzugskämpfen" Frankreichs greift Michels das Bild einer undurchsichtigen und geheimnisumwitterten Truppe auf, in der Nazis und Kriegsverbrecher nach 1945 untergetaucht seien, und führt diesen Mythos auf zwei Gründe zurück: Zum einen sei die Fremdenlegion ab 1947 ins Visier der antikolonialen Propaganda der Kommunistischen Partei geraten, und zum anderen "gab und gibt es bis heute unter den Fremdenlegionären eine Kultur der Aufschneiderei."

Einer solchen Kultur suche man seit den 1960er Jahren konsequent den Boden zu entziehen, und zwar durch Reformen dieses merkwürdigen militärischen Modells, welche im siebten und letzten Kapitel vorgestellt werden.

Mit "Fremdenlegion" legt Eckard Michels eine beeindruckende Gesamtschau eines militärischen Aspekts der französischen Geschichte vor, der von vielen Historikern gerne ignoriert wird - was wohl daran liegt, dass die Fremdenlegion für eine Seite der französischen Außenpolitik steht, welche die universelle Sendung Frankreichs in einem bisweilen trüben Licht erscheinen lässt; um so verdienstvoller ist das Bemühen, diesen blinden Fleck der Geschichte Frankreich zu beleuchten.

Dabei zieht Michels indes ein ernüchterndes Fazit: Allen Innovationen zum Trotz sei das Bild einer Fremdenlegion, die sich "als multikulturell bewährter und damit zeitgemäßer militärischer Arbeitgeber präsentiert", doch eher eine beschönigende Fassade: das "mentale Marschgepäck" vieler Legionäre sei schließlich durch eine Tradition geprägt, in der eine unerbittliche Rangordnung von Befehl und Gehorsam herrsche und die Feldzüge gegen Afrikaner und Asiaten während der französischen Kolonialzeit bis heute verherrlicht würden.

Aber wirbt denn die reformierte, die heutige Fremdenlegion nicht um neue Legionäre mit Werten wie Solidarität und familiärem Zusammenhalt, ja Brüderlichkeit? So bemerkenswert die Brüderlichkeit ist, so auffällig ist auf dem Plakat das Fehlen von Freiheit.

Clemens Klünemann ist Honorarprofessor am Institut für Kulturmanagement der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Zuletzt erschien von ihm: Sigmaringen. Eine andere deutsch-französische Geschichte (Matthes & Seitz, Berlin).

© SZ vom 11.01.2021/odg
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