bedeckt München

Freizeit:Schweiß und Kuchen

Tanzen, Jagen, Autos: Der Journalist Marc Hujer hat Spitzenpolitiker bei ihren Hobbys begleitet.

Von Robert Probst

In diesem Buch wird auffallend viel gegessen und getrunken. Christian Lindner bestellt eine doppelte Currywurst, Anton Hofreiter lässt sich zwei Spiegeleier mit Speck und eine große Orangensaftschorle bringen, und Christian Wulff freut sich, dass es bei Aldi jetzt von Frosta Hackbällchen mit Nudeln und Karotten gibt; bei Gerhard Schröder dreht sich viel ums Thema Weizenbier, Hofreiter trinkt sehr gern Kamillentee und Sahra Wagenknecht hat das Geld für eine Flasche Fachinger und eine große Apfelschorle stets genau abgezählt dabei.

Es geht also in diesem Buch um Politiker, die gerade mal keine Politiker sind, sondern so was ähnliches wie Privatmenschen. Der Spiegel -Redakteur Marc Hujer hat acht aktive und drei ehemalige Spitzenpolitiker getroffen und sich mit ihnen unterhalten über Themen abseits von Koalitionspoker, Gesetzesentwürfen und Wahlkreisarbeit. Vor allem aber hat Hujer sich mit den privaten Hobbys und Leidenschaften dieser Politiker befasst - und bei vielen der meist sportlichen Betätigungen auch (mehr oder weniger geschickt) mitgemacht. Das Ziel: dem Menschen hinter der Profi-Politik-Fassade ein wenig näher zu kommen, und sei es um den Preis des Schweißes.

Drei Dinge sind zunächst interessant an diesem Buch: Erstens, wer alles mitgemacht hat und wer nicht (letzteres erfährt man leider nicht); Zweitens, dass ausgerechnet aus dem Hause Spiegel einmal eher softe Politikerporträts (sogar im Ich-Stil) kommen, die problematische aktuelle Themen - etwa bei Altkanzler Schröder oder dem CDU-Politiker Philipp Amthor - zwar erwähnen, aber sonst recht elegant umschiffen; Drittens, wie schwer sich einige der Porträtierten dann doch tun, sich mal authentisch und/oder locker zu geben/zu sein.

Der Pressesprecher von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder etwa ist sehr besorgt, wie sein Chef beim Tennisspielen mit Hujer rüberkommt; fast noch mehr als Söder selbst, der ja sehr gern die Kontrolle vor allem über die Bilder haben will, die von ihm entstehen. Die ehemalige Linken-Fraktionschefin Wagenknecht hingegen hat kein Problem damit, Hujer nach einer 50-Kilometer-Radtour mitzuteilen, er könne jetzt wählen: 50 Kilometer zurück oder zusätzlich 70 Kilometer über die Berge - oder sie könne auch ihren Mann, Oskar Lafontaine, anrufen, der hätte zu Hause einen Anhänger und könnte ihn mit dem Auto abholen.

Marc Hujer: Auch nur ein Mensch. DVA, München 2020. 288 Seiten, 24 Euro.

Immerhin, Hujer zeigt keine Berührungsängste und geht auch tapfer mit Katrin Göring-Eckardt zum Tanzen oder mit Amthor in den Wald zum Jagen. Die Porträts sind nicht besonders lang, meist sehr unterhaltsam, und sie tun niemandem weh. Die Biografien der Politiker werden meist nur skizziert, immer soll die private Leidenschaft im Vordergrund stehen. Wie die Sympathien Hujers verteilt sind, wird dabei mehr oder weniger deutlich. Während der Treffen - und das ist ein wirkliches Highlight - sind immer spezielle Fotoserien entstanden, die eigentlich allein schon wert sind, betrachtet zu werden. Denn viele dieser Fotos (Wagenknecht im Fahrradoutfit, Hofreiter beim Herstellen von Weinbrandwürfeln, Lars Klingbeil beim Crossfit-Training oder Lindner ("Mein erstes Wort als Kleinkind war Auto") in seinem Porsche) lassen wirklich einen ganz anderen, ganz neuen Blick auf die Berliner Anzugs- und Kostümwelt zu.

Ein Spezialfall ist Christian Wulff. Der tragisch gescheiterte Altbundespräsident hat nach eigenen Angaben keine besondere Leidenschaft und lädt Hujer daher nach Großburgwedel zum Kuchenessen ein. Kuchen von einem Bäcker übrigens, der Wulff seinen ersten "Skandal" im Schloss Bellevue beschert hat. Reden tut er gern über damals, er hat jetzt viel Zeit. Manches versucht er wegzuwitzeln (indem er sich fürs Foto etwa vor eine geklinkerte - Stichwort Klinkerhölle - Bushaltestelle setzt), an vielen Stellen spürt man aber, wie verletzt der ehemalige CDU-Politiker noch immer ist, politisch und privat.

Alles in allem: Der Zugang ist originell, die Fotos sind im guten Sinne intim und die Lektüre macht oft gute Laune. Ist das aber nun genug für ein Politisches Buch? Ja, denn es hat auch einen nicht zu unterschätzenden Nutzwert: Wenn nämlich bei der nächsten hitzigen Polit-Debatte im privaten Kreis die verbale Eskalation droht, kann man sie, je nach Gesprächsgegenstand, so verhindern: Wusstet Ihr, dass der Slice der Lieblingstennisschlag von Söder ist? Habt Ihr gelesen, dass Lindners Porsche es auf der Autobahn nicht schafft, einen Familienkombi zu überholen? Oder: Schröder nimmt zum Abschlag beim Golf lieber ein Holz 5 als ein Holz 1!

© SZ vom 13.10.2020
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