Freizeit:Wenn die Wanderer kommen, flüchten die Tiere

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Tiere geraten in Panik, wenn Menschen ihnen zu nahe kommen. (Foto: Patrick Pleul/dpa)

Menschen brauchen die Natur zur Erholung. Doch je schneller und lauter sie sich durchs Gehölz bewegen, desto größer ist der Stress für die Waldbewohner. Sie rennen davon – in Todesangst.

Von Tina Baier

In der Hoffnung auf etwas Erholung vom stressigen Alltag tun Menschen die merkwürdigsten Dinge in der Natur. Sie rutschen, schwimmen und tauchen durch Schluchten (Canyoning), stürzen sich von Bergen (Gleitschirmfliegen) oder stapfen durch unwegsames Gelände und zerren dabei Alpakas hinter sich her (Alpaka-Wandern). Weniger abenteuerlustige Erholungssuchende wandern oder radeln. Tatsächlich ist der Erholungswert von Aufenthalten in der Natur wissenschaftlich erwiesen. Selbst Naturschützer verweisen immer wieder darauf – in der Hoffnung, dass die Menschen dann sorgsamer mit der Umwelt umgehen.

Für wilde Tiere ist das Eindringen von Menschen in ihren Lebensraum dagegen Stress pur. Nach einer aktuellen Studie, die gerade im Wissenschaftsjournal Current Biology erschienen ist, sind die negativen Effekte von Outdoor-Aktivitäten viel größer als bisher angenommen. Selbst vor harmlosen Wanderern flüchten viele Arten panisch, bleiben noch lange in Alarmbereitschaft und meiden den scheinbar gefährlichen Ort tagelang.

Das alles fand ein Team amerikanischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler durch ein aufwendiges und originelles Experiment im Bridger-Teton-Nationalforst in Wyoming heraus, wo sie ein komplexes System aus Wildtierkameras, Lautsprechern und Sensoren installierten. Sobald Elche, Maultierhirsche, Füchse, Schwarzbären, Gabelböcke, Pumas, Kojoten oder Wölfe das verkabelte Gelände betraten, ertönten aus einem der Lautsprecher Geräusche, die Menschen typischerweise bei verschiedenen Freizeitaktivitäten machen. Gleichzeitig sprangen die Kameras an und zeichneten die Reaktion der Tiere auf.

„Wir wollten die Effekte verschiedener Aktivitäten und Gruppengrößen testen“, schreiben die Forschenden in ihrer Untersuchung. Unter anderem konfrontierten sie die Tiere mit den Geräuschen großer und kleiner Gruppen von Wanderern, die sich entweder unterhielten oder schwiegen. Außerdem testeten sie die Reaktionen auf Mountainbiken, Laufen im Gelände (Trail Running) und Squadfahren.

Die Art der Aktivität macht keinen großen Unterschied, wohl aber die Gruppengröße

Erstaunlicherweise machte die Art der Freizeitaktivität keinen allzu großen Unterschied. Wohl aber die Gruppengröße. Am meisten Angst hatten die Tiere vor großen lauten Gruppen, am wenigsten vor kleinen stillen. Auch die Geschwindigkeit spielte den Ergebnissen zufolge eine Rolle: Viele Tiere erschraken zum Beispiel vor Läufern heftiger als vor Wanderern. Nach Einschätzung der Studienautorinnen und -autoren stört die Anwesenheit des Menschen wilde Tiere zudem nicht nur in der direkten Umgebung etwa von Wanderwegen, sondern in einem viel weiteren Umkreis als bisher angenommen.

Schon länger ist bekannt, dass es in der Natur „Landschaften der Angst“ gibt, die auf keiner Karte verzeichnet sind. Sie entstehen, weil potenzielle Beutetiere aus Furcht, gefressen zu werden, Gegenden meiden, in denen sich Raubtiere aufhalten. Die Anwesenheit des Menschen scheint einen ähnlichen Effekt zu haben, selbst dann, wenn er andere Tiere gar nicht jagt, sondern lediglich Erholung sucht. Die heftigen Reaktionen der Tiere lassen vermuten, dass ihre Angst vor Wanderern und Mountainbikern genauso groß ist wie die des Rehs vor dem Wolf. Es ist Todesangst.

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