Weltfrauentag "Der Frauentag wird immer ein Kampftag sein"

Während einer Demonstration für Frauenrechte formen Demonstrantinnen ein Dreieck mit ihren Händen - ein jahrzehntealtes feministisches Symbol.

(Foto: REUTERS)

Die SPD-Politikerin Iris Spranger erklärt, warum die Berliner am 8. März frei haben, was sie von einem Männertag hält und wie sie den Frauentag in der DDR erlebt hat.

Interview von Jana Anzlinger

Als "Agitation für das Frauenwahlrecht" war der Frauentag, wie ihn etwa die Sozialistin Clara Zetkin Anfang des 20. Jahrhunderts forderte, ursprünglich gedacht. Im Jahr 2019 wird am Weltfrauentag in der Bundesrepublik eher gefeiert als agitiert. In Berlin ist der 8. März erstmals ein Feiertag. Der Anstoß dafür kam aus der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Iris Spranger war die Hauptinitiatorin.

SZ: Frauen dürfen seit genau hundert Jahren wählen und gewählt werden. Ist es nicht rückschrittlich, ein solches Grundrecht heute noch mit einem Feiertag zu bejubeln?

Iris Spranger: Das ist überhaupt nicht rückschrittlich. Das Thema der mangelnden Gleichberechtigung ist relevanter denn je. Frauen werden weltweit noch diskriminiert und sind häufig Opfer von Gewalt. In Deutschland gibt es immer noch etwa den Paragrafen 219a. Und der gehört abgeschafft. Frauen werden schlechter entlohnt und auch die Altersarmut ist weiblich. Die meisten Unternehmen werden von Männern geleitet. Bei uns im Abgeordnetenhaus ist der Frauenanteil nur ein Drittel, daran sind die Oppositionsparteien schuld.

Und diese ganzen Missstände werden behoben, wenn die Berliner heute zu Hause bleiben, statt arbeiten zu gehen?

Der Tag schafft Aufmerksamkeit für diese Themen. Natürlich müssen wir uns täglich mit ihnen auseinandersetzen. Aber nun haben wir einen Zeitpunkt gesetzt, zu dem Frauenrechte öffentlich diskutiert werden. Das ist wahnsinnig wichtig. Außerdem bleiben ja nicht alle zu Hause. Den Feiertag soll jeder auf seine Weise begehen und genießen. Wer politisch denkt, geht auf die Straße. In Berlin gibt es viele Kundgebungen und kulturelle Veranstaltungen. Bundesweit haben Feministinnen zum Streik aufgerufen.

Nur die Berliner können nicht streiken, weil sie nun ohnehin frei haben. Behindert Ihr Vorstoß versehentlich den feministischen Kampf?

Es hätten sich sicher nicht alle Berlinerinnen getraut mitzustreiken und viele hätten deshalb die Demonstrationen verpasst. Der 1. Mai ist ja auch ein freier Kampftag, an dem Menschen demonstrieren. An einem Feiertag hat jeder Gelegenheit, auf die Straße zu gehen. Auch Männer und Kinder kommen mit.

Warum wollten Sie unbedingt den 8. März zum Feiertag machen?

Wir in Berlin hatten seltener frei als die Menschen in anderen Bundesländern. Wir haben deshalb nach einem neuen Feiertag gesucht und ich fand den Internationalen Frauentag am besten. Die Berliner Bürger haben unterschiedliche kulturelle Hintergründe und Religionen. Aber Frauen gibt es in jeder Kultur und Religion. Der Tag verbindet. Und er erinnert an die Erfolge der Frauenbewegung.

Männer könnten sich ungerecht behandelt fühlen, da sie ja keinen eigenen Feiertag bekommen.

Iris Spranger, 57, ist seit 1994 SPD-Mitglied. Sie sitzt seit 2011 im Berliner Abgeordnetenhaus, dem sie bereits von 1999 bis 2006 angehörte. Von 2006 bis 2011 war sie Staatssekretärin für Finanzen.

(Foto: © Marc Beckmann / Ostkreuz; Marc Beckmann / Ostkreuz)

Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Fortschrittliche Männer überlegen sich so etwas gar nicht. Mir haben viele geschrieben, wie stolz sie auf unseren neuen Feiertag sind. Meine Petition dazu haben übrigens 12 000 Männer unterzeichnet, das sind 40 Prozent der Unterschriften. Ich hoffe, dass der Tag auch alle anderen zum Nachdenken anregt. Jeder hat eine Mutter, viele haben Partnerinnen, Töchter oder Schwestern. Die will man nicht diskriminiert sehen.

Nicht nur Frauen werden diskriminiert, sondern auch Lesben, Schwule, Transmenschen, Diverse und andere Minderheiten. Bekommen die jetzt alle ihren eigenen Feiertag?

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Für die ist dieser Tag durchaus auch gedacht. Zum Beispiel Lesben- und Schwulenvereine sind heute bei den Veranstaltungen dabei. Das finde ich richtig. Man muss auf jede Diskriminierung aufmerksam machen. Eine Gesellschaft, die diskriminiert, ist nie gut.

Sie sind in Halle an der Saale geboren und in Ostberlin aufgewachsen. DDR-Bürgerinnen bekamen am Frauentag Blumen und stießen in der Betriebskantine an. Die Atmosphäre wird oft mit dem Muttertag verglichen.

Frauen wurde an dem Tag eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Sie haben ja fast alle gearbeitet, und das in den unterschiedlichsten Berufen. Obendrauf kam oft noch der Haushalt. Dafür bekamen sie Anerkennung. Das war ganz anders besetzt als der Muttertag im Westen. Der Frauentag war für mich immer ein Kampftag und wird immer ein Kampftag sein. Ich bin froh, dass mein Berlin jetzt diesen Feiertag hat.

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