Frauenrechte in Israel Tote und Tabu

  • Aus Protest gegen häusliche Gewalt legen am Dienstag Frauen in Israel ihre Arbeit nieder.
  • Auslöser ist der gewaltsame Tod von zwei weiblichen Jugendlichen in Tel Aviv und Jisch.
  • Politiker und Unternehmer haben zu dem Streik aufgerufen, 232 Institutionen stellen ihre Mitarbeiterinnen ohne Lohnkürzung frei.
Von Alexandra Föderl-Schmid

In Israel streiken an diesem Dienstag die Frauen - ermuntert von Staatspräsidenten Reuven Rivlin, Knesset-Sprecher Yuli Edelstein sowie Dutzenden Bürgermeistern und Konzernchefs. Start-up-Unternehmen beteiligen sich ebenso wie Supermarktketten. Mindestens 232 Institutionen stellen ihre Mitarbeiterinnen ohne Lohnkürzung frei, damit sie an einer der Dutzenden Demonstrationen im ganzen Land teilnehmen können. Diese Aktionen haben das Ziel, auf ein Tabuthema aufmerksam zu machen: häusliche Gewalt.

Trauriger Anlass für diese Aktivitäten sind zwei vor etwas mehr als einer Woche bekannt gewordene Todesfälle: Eine 13-jährige Asylbewerberin aus Eritrea wurde zu Hause in Tel Aviv vom früheren Partner ihrer Mutter vergewaltigt und zu Tode geprügelt. Im Norden des Landes wurde im Dorf Jisch eine 16-jährige arabische Israelin getötet. Festgenommen wurden zwei Nachbarn.

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Damit stieg die Zahl der Mädchen und Frauen, die in Israel durch Gewalttaten von ihnen nahestehenden Männern ums Leben kamen, in diesem Jahr auf 24. Im internationalen Vergleich wäre das nicht einmal viel, für Israel ist die Zahl jedoch ein trauriger Rekord. Deshalb, und wohl auch wegen den zunächst enttäuschenden Reaktionen der Politik auf den Tod der jungen Frauen, ist spontan eine breite Protestbewegung entstanden - im selben Land, in dem die "Me Too"-Debatte nur wenig Widerhall fand, die weltweit Frauen und auch Männer aufrüttelte.

In den vergangenen Tagen wurden zunächst öffentlich Fragen gestellt. Was ist eigentlich aus dem angekündigten Programm zur Bekämpfung häuslicher Gewalt geworden? Die Regierung musste einräumen: Im Kabinett sei zwar im Juli 2017 ein Budget von umgerechnet 60 Millionen Euro beschlossen worden, aber das Finanzministerium habe diese Mittel aus unerklärlichen Gründen nie freigegeben.

Netanjahu handelt sich einen Rüffel seiner Ehefrau ein

An Premier Benjamin Netanjahu richtete sich die Frage, warum er am 21. November in der Knesset gegen einen Antrag gestimmt habe, ein Parlamentskomitee zur Untersuchung von Gewalt gegen Frauen einzurichten. Seine knappe Antwort: "Weil der Antrag von der Opposition eingebracht worden ist." Das brachte ihm sogar einen Rüffel seiner Frau Sara vor Journalisten ein. Sie sei "überrascht" gewesen, als sie davon gehört habe. Ihm seien wohl die Hintergründe des Antrags nicht ganz bewusst gewesen, tadelte sie ihn.

Vier Tage später besuchte das Ehepaar Netanjahu ein Haus in Jerusalem, in dem Frauen Zuflucht vor Gewalt finden können. Von dort eilte der Premier direkt zur Kabinettssitzung und kündigte an, dass ein Ministerkomitee zum Thema Gewalt gegen Frauen gegründet werden müsse - und dass er selbst es leiten werde. Als ihm mitgeteilt wurde, dass ein solches Komitee unter der Führung des Ministers für öffentliche Sicherheit bereits existiere, beharrte Netanjahu auf seinem Vorschlag.

Als zwei Tage später zehn Frauen mit Transparenten mit der Aufschrift "Gewalt startet in den Korridoren der Macht" vor dem Amtssitz des Premierministers demonstrierten, rote Farbe auf der Straße verteilten und sich hineinlegten, wurden sie von der Polizei angezeigt und abgeführt. Nun werden sie die größte Demonstration am Dienstagabend in Tel Aviv anführen.

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