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Frauen im Ersten Weltkrieg:"Emanzipation auf Leihbasis"

Mädchen und Frauen in einer Munitionsfabrik

Mädchen und Frauen in einer Munitionsfabrik.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Lohnarbeit als "Emanzipation auf Leihbasis": Dennoch hat es sie natürlich gegeben, die oben beschriebenen selbstbewussten Straßenbahnführerinnen, Fabrikarbeiterinnen und Kriegskrankenschwestern. Ute Daniel bezeichnet diese Form der Frauenarbeit in den Kriegsjahren jedoch als "Emanzipation auf Leihbasis". Die meisten weiblichen Arbeitskräfte, die es in die Kriegsindustrie verschlug, hätten vorher in anderen Industriezweigen gearbeitet, etwa im Textilbereich. Auch Christa Hämmerle schreibt, dass es zwischen 1914 und 1917 weniger einen überproportionalen Anstieg weiblicher Lohnarbeit, als eine Verschiebung bereits vorhandener Arbeitskräfte auf die Kriegsindustrie gegeben habe. Nach dem Krieg seien diese Frauen aus den besser bezahlten "männlichen" Branchen wieder verdrängt worden. Auch die vorübergehende Annäherung von Frauen- und Männerlöhnen sei eher auf einen stark gesunkenen Reallohn zurückzuführen als auf mehr Gleichberechtigung, schreibt Daniel. Zudem sei in der zweiten Kriegshälfte ohnehin für Geld nicht mehr viel zu haben gewesen, weswegen Frauen wie Männer mit ihren Löhnen nicht mehr viel anfangen konnten.

Frauen als Teil der Dolchstoßlegende: Auch nach dem Krieg wurden Frauen nach Meinung von Forscherin Hämmerle instrumentalisiert. Sie wurden demnach zu einem Teil der Dolchstoßlegende: Die Heimat habe die Front nicht ausreichend unterstützt, die Moral der Männer durch "Jammerbriefe" untergraben. Hämmerle sieht das ebenso wie die Verdrängung der Frauen aus den "Männerberufen" als Versuch, Frauen wieder in ihre traditionellen Rollen hineinzuzwängen - also dem Mann und seinem heroischen Kampf für das Vaterland unterzuordnen. In den folgenden Jahren taten Arbeitslosigkeit und Inflation ihr Übriges, um den Kampf der Geschlechter anzustacheln. Oft mussten die Frauen in der Erwerbstätigkeit wie in der Gesellschaft den zurückkehrenden Männern Platz machen.

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Emanzipation begann schon vor dem Krieg: Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen heute die Ereignisse im Ersten Weltkrieg, die 1919 im Erlangen des Frauenwahlrechts gipfelten, nur als eine von vielen Phasen der Emanzipation, die tatsächlich schon viel früher begann. Bereits im 19. Jahrhundert engagierten sich Frauenrechtlerinnen in Bildungs- und Gesundheitsfragen, beschäftigten sich mit Sexualität und Familie und kämpften für die Rechte erwerbstätiger Frauen. Ende des 19. Jahrhunderts gelangten erste Frauen als Gasthörerinnen an die Universitäten, allmählich öffneten sich mehr und mehr Hochschulen für Studentinnen. Anfang des 20. Jahrhunderts gründeten Feministinnen außerdem "Frauenstimmvereine" und forderten vehement das Wahlrecht für Frauen. Viele Forscher sehen heute die Einführung des Frauenwahlrechts 1919 als Folge des politischens Wandels, der sich nach dem Weltkrieg in Deutschland und Österreich vollzog, etwa dem gestiegenen Einfluss der Sozialdemokraten. Diese hatten das Frauenwahlrecht schon 1891, lange vor dem Krieg, im Programm stehen.

Kann Krieg zu Emanzipation führen? Einig sind sich die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in dem Befund, dass eine Emanzipation im Sinne einer echten Verbesserung der Lage der Frauen gerade in den Kriegsjahren nicht stattgefunden habe. Vielmehr hätten vor allem die unteren Gesellschaftsschichten enorm unter den Entbehrungen des Krieges gelitten. Angesichts der Gewalterfahrungen, der Mangelverwaltung und der Not von einem "Motor der Emanzipation" zu sprechen, kommt nicht nur Christa Hämmerle falsch vor. Ute Daniel betont, dass hinsichtlich der Arbeitsbedingungen und der Qualifikation von arbeitenden Frauen der Krieg sogar eine Verschlechterung mit sich brachte.

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