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Frauen:Stereotype und Sexismus

Trauer und Ratlosigkeit machte sich in den Gesichtern derer breit, die Hillary Clinton als erste Frau im Präsidentenamt sehen wollten.

(Foto: Frank Franklin II/AP)

Hillary Clinton war auf die US-Präsidentschaft vorbereitet wie kaum ein Bewerber um das Amt zuvor. Was die Niederlage der Demokratin für den Feminismus bedeutet.

Von Alexandra Borchardt

In der Logik der linear denkenden Optimisten schien die Sache geritzt zu sein: Die Mauer fällt, in Europa verschwinden die Grenzen, ein Schwarzer wird amerikanischer Präsident und schließlich eine Frau - die Welt wird also immer ein kleines bisschen aufgeklärter, freiheitlicher, besser. Dass "Frau" nach "Schwarzer" kommt in dieser Welt, tat nicht viel zur Sache. Feministen sind das Warten gewöhnt. Und nun kommt: Trump. Der Rückschlag ist heftig, besonders auch für Frauen.

"Es bricht mir das Herz, dass eine hoch qualifizierte Kandidatin für das Präsidentenamt gegen den am schlechtesten qualifizierten Kandidaten aller Zeiten verloren hat", sagt Irene Natividad, Gründerin und Präsidentin des Global Summit of Women. "Sexismus bleibt tief verwurzelt in der amerikanischen Gesellschaft. Ich habe Angst um mein Land und die Menschen, die aussehen wie ich" - Natividad ist asiatischstämmige Amerikanerin.

In den vergangenen Tagen gab es anrührende Bilder von Frauen zu sehen, die um die 100 Jahre alt sind und vor der Einführung des nationalen Frauenwahlrechts 1920 geboren wurden. Gestützt auf Rollatoren, brachen sie zur Stimmabgabe auf, natürlich, um Hillary zu wählen. Sie werden es nun nicht mehr erleben, dass eine Frau ins Oval Office einzieht. Für sie und viele andere zerbricht ein Traum, der mit mehr zu tun hat als der Person Hillary Clinton: dass es reicht, hart zu arbeiten, eine Spitzenausbildung zu absolvieren, praktische Erfahrungen zu sammeln und nie aufzugeben, um ganz nach oben zu kommen. Denn noch nie war ein Bewerber so qualifiziert für das Amt wie Hillary Clinton. Allein: Darum ging es nicht.

Dass Clinton im Wahlkampf so aggressiv attackiert wurde, hatte nicht nur mit all dem zu tun, was ihr immer wieder vorgeworfen wurde: Verbindungen zum großen Geld, lässiger Umgang mit E-Mails, Verwurzelung im politischen Milieu. Sie kämpfte mit Sexismus und jener Stereotypenfalle, die Frauen in Führungspositionen zu gut kennen.

Den Sexismus hatte Trump sich schamlos zunutze gemacht. "Finally someone with Balls" - endlich mal jemand mit Eiern - war einer der harmloseren Aufkleber, mit denen sich Unterstützer schmücken konnten. Trumps Ausfälle aus den Fernsehdebatten sind hinlänglich bekannt. Seine Wahl beweist nun, dass das, was er als Gerede aus der Umkleidekabine verharmloste, von der Mehrheit der amerikanischen Wähler letztlich für tolerabel gehalten wird.

Peter Beinart, Professor für Journalistik und Politikwissenschaft an der City University of New York, hat in seinem Artikel "Fear of a Female President" für das Magazin The Atlantic verstörende Fakten zusammengetragen. Der Anteil der Amerikaner, die in Meinungsumfragen eine "stark negative" Einstellung zu Hillary Clinton bekundeten, lag erheblich höher als bei jedem anderen demokratischen Bewerber um das Präsidentenamt seit 1980, als diese Frage erstmals gestellt wurde. 52 Prozent aller weißen Männer hätten dies geäußert. "Die akademische Literatur darüber, wie Männer auf Frauen reagieren, die traditionell männliche Rollen einnehmen, erklärt das", schreibt Beinhart, sie fühlten sich entmännlicht. Er belegt das mit einer ganzen Reihe von Studien und prognostiziert, Clintons Kandidatur habe eine Welle von Frauenfeindlichkeit ausgelöst, die noch Jahre nachwirken werde.

Dabei ist offener Sexismus nur ein Problem. Hinzu kommen Stereotype, mit denen Männer und Frauen gleichermaßen auf Frauen in Machtpositionen reagieren. Gut demonstrieren lässt sich das an dem Heidi-und-Howard-Experiment: An der Harvard Business School wurde Studenten eine Fallstudie über ein erfolgreiches IT-Unternehmen mit einer Chefin namens Heidi vorgelegt, eine Vergleichsgruppe bekam dieselbe Studie, nur hieß der Protagonist dort Howard. Das Ergebnis: Die Studenten beurteilten grundsätzlich beide als erfolgreich, Heidi aber als unsympathisch. Iris Bohnet, Professorin an der Harvard Kennedy School, kennt Hillary Clinton persönlich und weiß: "Hillary Clinton ist sich des Heidi-und-Howard-Problems sehr bewusst." Es ist vielfach belegt: Frauen, die nicht als sympathisch wahrgenommen werden, haben beim Kampf um Höheres schon verloren. Männern hingegen reichen zur Not auch "Eier".

Diese Art Gegenwind kannte Hillary Clinton spätestens, seit sie sich als First Lady der Gesundheitsreform annehmen sollte, aber gleichzeitig schleunigst beweisen musste, dass sie auch Kekse backen kann. "Sie bekommen zwei für den Preis von einem", hatte Bill Clinton nach seiner ersten Wahl 1992 versprochen. Nur gewollt hatte das niemand so recht.

Dass acht Jahre lang ein Schwarzer das Land regiert hat, mag Clinton zusätzlich geschadet haben. Beinhart zitiert Studien, nach denen der gesellschaftlich akzeptable Rassismus durch die Präsidentschaft Obamas sogar gewachsen sei. Im Frühjahr hätten bei einer Umfrage 42 Prozent der Befragten der Aussage zugestimmt, Amerika sei "zu weich und feminin" geworden. Womöglich haben sich nun diejenigen aufgebäumt, die sich die alte Ordnung zurückwünschen.

© SZ vom 10.11.2016
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