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Frauen in Österreichs Bundeshymne:Ode an die Töchter

Die österreichische Bundeshymne wurde von einer Frau getextet, von vielen Frauen gesungen - doch Erwähnung fanden in dem Lied bislang nur die Männer. Das wird sich zum Jahreswechsel nun ändern: Ab sofort dürfen auch "große Töchter" das "Land der Berge, Land am Strome" ihre Heimat nennen.

Cathrin Kahlweit

Es geht tatsächlich! Popstar Christina Stürmer hat das längst bewiesen. Ihre Version verlängerte die umstrittene Textzeile des Liedes unzulässig und zog zwei zusätzliche Worte in den nächsten Vers hinein: "Heimat bist du großer Söhne - und Töchter". Zugegeben, ihr Text verunstaltete die Melodie der österreichischen Bundeshymne ein klein wenig, schon eine Silbe zu viel holpert eben immer. Andererseits, finden Österreichs Feministinnen und sogar einige männliche Parteipolitiker, werde mit einer modernisierten Hymne ein schönes Zeichen für die Gleichberechtigung gesetzt. Und so wird auch die neue, am 7. Dezember endlich beschlossene Fassung der Bundeshymne ein paar neue Worte enthalten, ein wenig mehr holpern, aber sie wird singbar sein. Daran besteht kein Zweifel.

Women's Downhill

Auch sie ist eine "große Tochter" Österreichs: Die amtierende Ski-Doppel-Weltmeisterin Elisabeth Görgl, hier bei den Weltmeisterschaften in Garmisch-Partenkirchen im Februar. 

(Foto: dpa)

Bisher sangen die Österreicher vom Land der Berge, Land am Strome, Land der Äcker und der Dome und der zukunftsreichen Hämmer, nun ja, Geschmäcker sind verschieden. Sie sangen von Männern, unterschlugen das weibliche Geschlecht, und später erklangen "Brüderchöre". Nun aber hat der Nationalrat in Wien die Textreform mit den Stimmen von SPÖ, ÖVP und Grünen beschlossen: Nun gibt es die "Heimat großer Töchter und Söhne" und Jubelchöre, wo Brüder sangen. Eigentlich nur Kleinigkeiten, aber die Debatte, ob die Hymne verändert werden darf, gärt weiter, obwohl die Neufassung im Januar in Kraft tritt.

Für den Sieg der Reformer hatte es einer Eulenspiegelei bedurft: Die ÖVP-Politikerin Maria Rauch-Kallat, die das Projekt seit Jahren erfolglos verfolgte, brachte den Antrag auf der letzten Sitzung vor ihrem Ausscheiden aus dem Parlament völlig überraschend ein. Sie hatte die Zustimmung vieler Kolleginnen gesammelt und konnte von den düpierten Männern nur noch durch endlose Reden selbst am Sprechen gehindert werden. Die Idee nahm dennoch Schwung auf - wieder, muss man sagen, denn es hatte schon früher Versuche gegeben, den Text im Sinne der Gleichstellung an die neue Zeit anzupassen. Doch die waren gescheitert, an Stilfragen, an Machtfragen, oder an Fragen des Urheberrechts.

Nun also soll alles anders werden, Österreich bekennt sich fortan singend zum Feminismus. Eine Hymne ist ein Staatssymbol - ein belastetes, bisweilen verhasstes wie die deutsche, die sinnigerweise National- und nicht Bundeshymne heißt - oder sie ist die Herzensangelegenheit einer ganzen Nation, wie es in den USA bei jedem Sportereignis deutlich wird. Der Text der österreichischen stammt von einer Frau, von der Dichterin Paula Preradovic. Seit sich ganz Österreich in Facebook und auf Internetforen, bei Dichtwettbewerben und Sängerwettstreiten darüber auseinandergesetzt hat, ob - und wenn, wie sehr - man dieses Nationalheiligtum an die Moderne anpassen darf, macht sich die Lust an der Veränderung überall im Land bemerkbar.

In Salzburg wurde debattiert, ob die Hymne des Bundeslandes aus "Land unsrer Väter" besser "Land unsrer Eltern" machen solle; ein anderer Vorschlag lautete "Land unserer Ahnen", weil ja Eltern nicht mehr überall gemeinsam verfügbar seien. In der Steiermark sollten Hinweise auf das "Bett der Sav" und das "Tal der Drav" getilgt werden, zweier slowenischer Flüsse, die längst nicht mehr auf Landesgebiet liegen. Beide Initiativen müssen wohl vorerst als versandet gelten. Nur die Initiative des BZÖ, einer der zwei rechtsextremen Parteien im Nationalrat, wird sich sicher durchsetzen. Denn das BZÖ lässt ausrichten: "Wir singen, was wir wollen."

© SZ vom 09.12.2011/leja
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