Süddeutsche Zeitung

Frauen in der CDU:Merkels Mädchen

Die CDU ist in den vergangenen 20 Jahren einen weiten Weg gegangen. Aus einer Altherren-Union wurde eine Partei, die maßgeblich von selbstbewussten Frauen dominiert wird - im Bund und in den Ländern.

Manchmal bedarf es eines Blicks in die Vergangenheit, um die Gegenwart zu begreifen. Im September jährte sich die erste Kanzlerwahl Helmut Kohls zum 30. Mal. Es gab einen großen Festakt im Deutschen Historischen Museum. Um den Alten zu ehren, kamen sie alle noch mal nach Berlin: die Minister, Staatssekretäre, Ministerpräsidenten und sonstigen CDU-Granden aus der Kohl-Ära. Es war der vermutlich letzte große Aufmarsch der Achtzigerjahre-CDU.

Und es war ein erschütternder Anblick. Der ganze Schlüter-Saal war voller Männer: alte Herren in großen dunkelblauen Anzügen, viele mit goldenen Knöpfen an den Sakkos. Rita Süssmuth und ihre wenigen Mitstreiterinnen gingen in dem Anzugmeer fast unter. Die CDU, das war einmal die Partei des weißen Mannes. Frauen und Migranten waren nicht vorgesehen.

Man muss das noch einmal erlebt haben, um zu ermessen, was für einen weiten Weg die CDU in den vergangenen 20 Jahren gegangen ist.

An diesem Dienstag beginnt der CDU-Bundesparteitag. Es wird das erste Delegiertentreffen in der Geschichte der Christdemokraten sein, bei dem die Frauen die Männer überstrahlen. Merkel ist auf dem Höhepunkt ihrer Macht - auch in der Partei. Sie dürfte am Nachmittag mit weit mehr als 90 Prozent im Amt bestätigt werden.

Star von der Leyen, Liebling Klöckner

Und Merkel ist nicht allein: Die Vorsitzende ist in ihrer Partei inzwischen kein Solitär mehr: Fünf Stellvertreter bekommt Merkel in Hannover an die Seite gestellt. Der Star unter ihnen ist Ursula von der Leyen, der Liebling Julia Klöckner. Von den drei Männern im Reigen der Vizes spricht kaum einer. Armin Laschet aus Nordrhein-Westfalen und der Baden-Württemberger Thomas Strobl verdanken ihr Amt der Regionalquote. Und Volker Bouffier ist ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit.

Die weibliche CDU-Spitze im Bund wird außerdem noch von zwei starken Ministerpräsidentinnen in den Ländern flankiert. Unter den ostdeutschen CDU-Regierungschefs ragt Christine Lieberknecht heraus. Die Art, wie sich die Frau nach dem Skiunfall ihres Vorgängers Dieter Althaus ins Amt schob, hat vielen Respekt eingeflößt. Seit Neuestem betreibt Lieberknecht auch im Bundesrat ihre eigene Agenda - etwa beim Mindestlohn, den sie gegen den Widerstand vieler Unionisten forciert.

Auch unter den westdeutschen CDU-Regierungschefs ist eine Frau am interessantesten. Die Saarländerin Annegret Kramp-Karrenbauer hat sich im Januar mit einem mutigen Coup die Macht gesichert. Entgegen dem Rat der Bundes-CDU setzte sie auf brutalstmögliche Weise die FDP vor die Tür und gewann anschließend allen Umfragen zum Trotz die nötige Neuwahl.

Kramp-Karrenbauer agiert seitdem auch auf nationaler Ebene mit großem Selbstbewusstsein. So verhalf sie im Bundesrat dem SPD-Gesetzentwurf für eine starre Frauenquote zur Mehrheit. In den Ländern kann auf CDU-Seite nur noch David McAllister mit den beiden Ministerpräsidentinnen mithalten. Aber dem Niedersachsen droht wegen der Schwäche seines liberalen Koalitionspartners im Januar die Abwahl.

"Auch eine Henne weiß, wann die Sonne aufgeht"

In der CDU, in der sich die heutige Kanzlerin einst als "Kohls Mädchen" bezeichnen lassen musste, regieren heute Merkels Mädchen. Sie machen das mit erstaunlich wenig Aufhebens um ihre neue Macht. "Auch eine Henne weiß, wann die Sonne aufgeht, aber deswegen muss sie nicht jedes Mal krähen", sagt Ilse Aigner so gerne. Die mächtige Oberbayern-Chefin der CSU ist auch so eine aufstrebende Unionistin.

Sie ist auf dem Sprung, die erste bayerische Ministerpräsidentin zu werden. Denn auch die CSU ist nicht mehr die Partei der schenkelklopfenden Männer. Spitzenkandidat der Christsozialen bei der Bundestagswahl ist zum ersten Mal eine Frau: Gerda Hasselfeldt. Peter Ramsauer, der Mann mit dem "Wickelvolontariat", steht dafür auf dem Abstellgleis.

Und so gilt inzwischen: Die SPD hat die Quote, die Union hat die Frauen. Die Bundestagswahl 2013 wird deshalb auch ein interessantes Experiment: Werden die Wählerinnen die Frauen oder die Frauenpolitik zum Maßstab machen? Denn mit der Frauenpolitik ist es bei der CDU immer noch nicht weit her. Einen Überschuss an Feminismus hat ihr zumindest noch niemand attestiert.

In Hannover drängt die CDU die weißen Männer aber auch noch an der zweiten Front zurück. Die Partei will für Bürger mit Migrationshintergrund attraktiver werden. In Deutschland sind mehr als fünf Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln wahlberechtigt, die CDU schneidet in dieser Gruppe relativ schlecht ab. Deshalb will sie jetzt den Anteil der Migranten in ihrer Führung von zwei auf vier verdoppeln. Bisher sitzen lediglich die Berliner Gesundheits-Staatssekretärin Emine Demirbüken-Wegner und die Europa-Abgeordnete Godelieve Quisthoudt-Rowohl im Bundesvorstand. Unter den vier Migranten, die jetzt zur Wahl stehen, sind übrigens drei Frauen.

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SZ vom 04.12.2012/mike
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