Frauen in Afghanistan "Ich habe jetzt viel mehr Mut"

Nicht wenige Frauen in Afghanistan sehen sich nicht erst seit Karsais jüngstem Manöver in ihrer Furcht bestätigt: Die hart erkämpften Rechte könnten zur Verhandlungsmasse verkommen, falls die Regierung und die Aufständischen eines Tages doch an einem Tisch für Friedensgespräche Platz nehmen, fürchten Parlamentarierinnen und Aktivistinnen.

Mehr als zehn Jahre nach dem Sturz der Taliban haben sich die Chancen für viele Frauen in Afghanistan verbessert, am öffentlichen Leben teilzunehmen. So ist die Burka für manche Frau kein Muss mehr.

(Foto: AFP)

Aktivistinnen werden immer wieder bedroht

Heather Barr von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zog kürzlich ein gemischtes Fazit der Lage der Frauen in Afghanistan: Obwohl sie nun zumindest theoretisch Zugang zum Bildungswesen hätten, besuchten mehr als die Hälfte der afghanischen Mädchen noch immer keine Schule. "Unterhalb der sich verändernden Oberfläche bleiben tiefgehende Probleme bestehen", sagt sie.

Während des Taliban-Regimes waren Frauen vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Nun sitzen sie mit im Parlament, es gibt ein Ministerium für Frauenangelegenheiten, es gibt Fernsehmoderatorinnen. Aber konservative Grundmuster bleiben in der Gesellschaft verwurzelt. Aktivistinnen werden immer wieder bedroht. Zum Beispiel Nadera Geya.

Die Chefin der Behörde für Frauenangelegenheiten im nördlich gelegenen Kundus ist zunächst reserviert. Dann empfängt sie den Besucher doch zu einer längeren Unterhaltung in ihrem Büro in der Innenstadt der Provinzhauptstadt, in der die Bundeswehr eines ihrer zentralen Lager betreibt. Zu Beginn des Gesprächs betont Geya die zahlreichen Fortschritte: "Es ist viel vorangegangen für die afghanischen Frauen in den letzten Jahren, wir können tatsächlich einen Wandel beobachten", sagt sie. Der Einsatz der internationalen Gemeinschaft sei nicht umsonst gewesen, schließlich wüssten viele Afghaninnen heutzutage, "dass sie überhaupt Rechte haben".

Aber ihre exponierte Stellung sei auch gefährlich, berichtet Geya. Sie erhält einschüchternde Anrufe, zwei Männer seien auf einem Motorrad an ihr vorbeigefahren und hätten gedroht, sie zu ermorden. Nadera Geya nimmt Schlafmittel, um nachts zur Ruhe zu kommen. Aber sie will sich von den Drohungen nicht unterkriegen lassen. Zum Abschied sagt sie, natürlich werde sie weiter für die Rechte der Frauen kämpfen.

"Ich habe jetzt viel mehr Mut"

Das will auch Asma Sadat, Juristin und Leiterin des Lernzentrums in Charikar. Voller Eifer spricht sie über die Möglichkeiten, die eine solche Einrichtung mit sich bringe. Sie referiert über das Selbstvertrauen der Frauen, das massiv gestärkt werde, über Ansätze einer Selbstverwirklichung und das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Aber Sadat klammert auch nicht die vielen Hürden aus, die nach wie vor bestehen bleiben: "Es gibt in Afghanistan Frauenrechte, sie stehen in der Verfassung, aber das ist nur ein Papier", sagt Sadat. In der Gesellschaft definierten die Männer, was Frauen dürfen - und was nicht. "Das größte Problem ist, dass die meisten Frauen ihre Rechte noch nicht kennen", sagt sie.

Den Aktivistinnen stehe noch ein langer Kampf bevor.

Die Schulglocke läutet. Das Volleyballspiel ist beendet, aus dem Gebäude in Charikar kommen Mädchen und Frauen. Eine von ihnen ist 20 Jahre alt. Nie in ihrem Leben habe sie zuvor eine Schule besuchen können, sagt sie, immer musste sie zu Hause arbeiten. Aus den Medien erfuhr sie von dem Bildungszentrum in Charikar, ihre Familie besichtigte es und entschied: Sie darf am Unterricht teilnehmen. "Ich habe jetzt viel mehr Mut, allein nach draußen zu gehen, zum Beispiel auf den Basar", sagt die junge Frau. Ihre Klassenkameradinnen drängen an ihr vorbei. Viele von ihnen ziehen eine Burka über, bevor sie in ihre Dörfer zurückgehen.