Arzt des nordkoreanischen Diktators:Der Mann, der Kim Jong Il das Rauchen verbot

Auf Visite in Pjöngjang: Ein französischer Arzt sagt, er habe den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Il behandelt. Nach dessen Tod fühlt er sich nicht mehr an die Schweigepflicht gebunden und erzählt von den Gebrechen und Vorlieben Kims, der ein besorgter Patient mit einem Faible für Jean-Paul Belmondo gewesen sein soll.

Stefan Ulrich, Paris

Wer ist Kim? Die Frage stellte sich der französische Arzt François-Xavier Roux bei der Behandlung nordkoreanischer Patienten immer wieder. "Man weiß nie, mit wem man es zu tun hat", klagte der Professor für Neurochirurgie einmal. "Sie heißen alle Kim - und sie sind sehr geheimnisvoll."

Arzt des nordkoreanischen Diktators: Der verstorbene nordkoreanische Machthaber Kim Jong Il bei einem Gipfeltreffen in Pjöngjang im Jahr 2007.

Der verstorbene nordkoreanische Machthaber Kim Jong Il bei einem Gipfeltreffen in Pjöngjang im Jahr 2007.

(Foto: AFP)

Als Roux im Sommer 2008 im Rot-Kreuz-Krankenhaus der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang an ein Krankenbett geführt wurde, war ihm jedoch klar, mit was für einem Patienten er es zu tun bekommen würde. Der Mann, der da auf der Intensivstation im Koma lag, war Kim Jong Il, der Diktator, der seit 1994 in Nordkorea herrschte und sich von seinen Untertanen als "Geliebter Führer" huldigen ließ.

Kim sei damals nach einem Schlaganfall in einem lebensbedrohlichen Zustand gewesen, berichtete Roux diese Woche. "Meine Aufgabe war es, ihn aus dieser kritischen Lage zu retten."

"Ich konnte sagen: Rauchen Sie nicht!"

Der Professor, der die neurochirurgische Abteilung des Pariser Sainte-Anne-Krankenhauses leitet, sieht sich nun, nach Kims Tod, nicht mehr umfassend an die ärztliche Schweigepflicht gebunden. In Interviews mit der Nachrichtenagentur AP und dem Radiosender Europe 1 gibt er einen Einblick in die mysteriöse Welt des Herrschers über das unzugänglichste Land der Erde.

Er berichtet etwa, die nordkoreanischen Ärzte seien 2008 verstört von der Vorstellung gewesen, ihrem Führer medizinische Anweisungen geben zu müssen. Auch deswegen hätten sie ihn als Ausländer geholt. "Ich konnte sagen: Rauchen Sie nicht! Trinken Sie keinen Alkohol mehr!"

Über seine Behandlungsmethode will sich der Professor nicht äußern. Er lehnt es auch ab, weitere Interviews zu geben. Nur so viel: Als er seinen Patienten 2008 nach zehn Tagen verließ, um nach Frankreich zurückzukehren, war Kim jedenfalls wieder bei Bewusstsein und konnte sprechen. Kim sei sehr besorgt gewesen, "wie es jeder von uns nach einem ernsten Schlaganfall wäre", sagt Roux. Er habe gefragt, ob er wieder normal laufen und arbeiten könne.

"Er schien Belmondo sehr zu mögen"

Für die Nachbehandlung des Patienten reiste der Franzose erneut zum Diktator. Dieser habe sich als relativ gebildet und ausgesprochen frankophil gezeigt. "Er verbarg nicht, dass er politische Kontakte mit Frankreich aufnehmen wollte." Zudem habe er sich verblüffend gut mit französischem Kino und französischen Weinen ausgekannt. "Er schien Jean-Paul Belmondo sehr zu mögen." Auch habe der Diktator über die Unterschiede zwischen Burgunder und Bordeaux diskutiert.

Warum die Nordkoreaner auf Doktor Roux kamen, ist ihm bis heute unbekannt. Der als sehr fleißig und diskret geltende Arzt engagierte sich früher bei den "Ärzten der Welt" und baute dann die Kinder-Hilfsorganisation "La Chaîne de l'Espoir" ("Kette der Hoffnung") mit auf. Für medizinische Einsätze reiste er oft in asiatische Länder wie Kambodscha, China und Afghanistan.

Streng geheim nach Nordkorea geflogen

Pjöngjang wandte sich erstmals 1993 an den Neurochirurgen. Damals sollte er die Nordkoreaner nach einem Reitunfall Kims beraten. Roux war nicht der einzige französische Arzt, den Pjöngjang um Hilfe bat. Seit Anfang der neunziger Jahre kontaktierte das Regime über seine UN-Vertretung in Genf immer wieder Spezialisten in Paris und Lyon. Mehrere von ihnen wurden streng geheim nach Nordkorea geflogen.

1991 soll ein Team dem Staatsgründer Kim Il Sung - er war der Vater von Kim Jong Il - einen Herzschrittmacher eingesetzt haben. Auch gab es immer wieder Berichte, Söhne Kim Jong Ils hätten sich in Paris behandeln lassen. Auch Neurochirurg Roux bekam in Paris immer wieder Besuch von Patienten aus Nordkorea.

Ob unter ihnen Söhne des "Geliebten Führers" waren - oder sogar dessen jetziger Nachfolger, Kim Jong Un? "Vielleicht", antwortete Roux jüngst auf eine entsprechende Frage. Allerdings habe sich keiner seiner Patienten als Diktatoren-Sohn vorgestellt. Sie nannten sich alle nur Kim.

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